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Besprechung
12.2010


Roberta, De Righi :  Mit "Die Zukunft der Tradition - die Tradition der Zukunft" knüpft das Münchner Haus der Kunst an eine epochemachende Ausstellung von 1910 an und führt das progressive Projekt von einst vorsichtig in die Gegenwart fort. Präsentiert werden 29 zeitgenössische Künstler aus dem islamisch geprägten Kulturraum.


München : Zukunft der Tradition


  
links: Rachid Koraïchi · The Invisible Masters, 99 banners, je 390 x 210 cm ©ProLitteris
rechts: Mounira Al Solh · The Mute Tongue, 2010, Videoinstallation, Dimensionen variabel, Videostill


Das Münchner Kindl hat statt der Mönchskapuze einen Fes auf und raucht Wasserpfeife. So humoristisch-unbekümmert warb man 1910 auf einem Wiesn-Bierkrug für die Mammutschau "Meisterwerke der muhammedanischen Kunst", die damals mit 3'600 Objekten das Spektrum der Kunst aus der islamischen Welt präsentierte. 2010, während Deutschland in einer Polemik über Islamisierung und misslungene Integration verhärtet, fehlt solch plakative Pointierung: Haus der Kunst-Chef Chris Dercon und sein Kuratorenteam schreiben das progressive Projekt von einst vorsichtig in die Gegenwart fort. Das Ergebnis ist eine sehenswerte Ausstellung, die mehr auf Differenzierung als auf Zuspitzung setzt. Einen Skandal wollte man nicht provozieren.
Der Islam bildet bei den heutigen Arbeiten vor allem den kulturellen, weniger den religiösen Hintergrund. Thema ist vielmehr die reizvolle und vielschichtige Andersartigkeit der arabischen Kultur - und ihre Dialogfähigkeit mit der Kunst des Westens.Der steinernen Wucht des Hauptsaales setzt der ägyptische Architekt Samir el Kordy textile Leichtigkeit entgegen: Mit von der Decke abgehängten Stoffbahnen verwandelt er die Machtarchitektur in ein verwinkeltes Labyrinth, in dem 30 Exponate aus der historischen Schau die Gegenwartskunst ergänzen. Darüber schweben 99 Banner des Algeriers Rachid Koraichi. Mit "Die unsichtbaren Meister" setzt er auf geistige Monumentalität: In die schwarzweissen Stoffbahnen sind Sufi-Weisheiten eingewebt.
Übersetzungsarbeit leistet die gebürtige Libanesin Mounira Al Solh mit ihren Videos "Die stumme Sprache", die arabische Sprichwörter bildlich darstellen. Bahia Shebab webte einen Vorhang, in dem tausendmal das Zeichen für «Nein» steht. Spätestens hier wird die noch immer zentrale Bedeutung der Kalligrafie deutlich. Doch der westliche Besucher bleibt Analphabet: Etwas mehr Hinführung an die arabische Schrift wäre keine museumspädagogische Bevormundung gewesen.
Kader Attia lässt seine Mutter Spiegelscherben statt Couscous-Körnchen sieben und erfindet damit eine visuelle Metapher für die Tradition des Spiegels als Bedeutungsträger. Emre Hüners Animation "Panoptikon" ist eine überbordende Bosch-Groteske, Akram Zaataris "Studio Scheharazade" bewahrt ein Stück Realität aus dem Libanon vor dem Vergessen, während der Palästinenser Wafa Hourani in "Qualandia" aus dem Wahnsinns-Wall im Westjordanland eine ironisch-optimistische Farce macht - womit er auf das wirkmächtigste, durch alle Fremdheit hindurch spürbare Element in dieser Schau setzt: Humor hilft auch im Morgenland.

Bis: 09.01.2011



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Ausgabe 12  2010
Ausstellungen Die Zukunft der Tradition [17.09.10-09.01.11]
Institutionen Haus der Kunst München [München/Deutschland]
Autor/in Roberta, De Righi
Künstler/in Kader Attia
Künstler/in Akram Zaatari
Künstler/in Rachid Koraïchi
Künstler/in Mounira Al Solh
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