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Besprechung
12.2010


Isabel Friedli :  Die Königsdisziplin von Kirstine Roepstorff ist die Collage, die Überlagerung von Elementen unterschiedlichster Herkunft, die durch Risse und Brüche hindurch sprunghafte Einsichten ermöglicht. Sie bezeichnet ihre Technik als «Appropriarranging», eine Mischung aus Aneignung und Neuordnung.


Basel : Kirstine Roepstorff, "Dried Dew Drops"


  
links: Kirstine Roepstorff · The mirrored Self, 2007 ©ProLitteris
rechts: Kirstine Roepstorff · Installationsansicht Museum für Gegenwartskunst Basel, 2010 ©ProLitteris. Foto: Stefan Altenburger


Von welch weitausholender Grössenordnung die Referenzsysteme sind, die Kirstine Roepstorff (*1972) miteinander verwebt, lässt sich in ihrer Ausstellung im Museum für Gegenwartskunst nachvollziehen. Hier hat eine Wiedergeburt der Wunderkammer stattgefunden - im Bewusstsein, dass diese Vorläufer der Museen nicht lediglich eine Anhäufung wunderlicher Dinge waren, sondern visuelle Reflexionen und lyrische Interpretationen der Weltaneignung zuliessen.
Wohltuend undidaktisch richtete die Künstlerin in loser Raumabfolge eine "Wunderkammer of Formlessness" ein und lädt zu einem Spaziergang ein, der zu einer allmählichen Verfestigung von Erkenntnis durch die Betrachtung führt. Ein überbordendes Arrangement einzigartiger Kuriositäten setzt in jedem Raum eine andere Dynamik frei, welche in Steigerungsform von blossem «to be» über «to become» und «to form» - so die Überschriften der einzelnen Räumen - eine Verkettung von Erfahrungen erlaubt. Der Gang durch dieses Raritätenkabinett, mehr Irrgarten als Lehrpfad, gleicht einer Zeitreise zurück in eine Epoche, in der unser modernes Weltverständnis noch in der Wiege lag und der Drang zur Klassifizierung erst einsetzte.
In altertümlichen Vitrinen finden sich Amphoren, Fossilien, ein Narwalzahn, filigrane Elfenbeinschnitzereien, Krokodiltestikel und magische Zaubermittel sowie so absonderliche Objekte wie ein Tabakgefäss in Penisform oder eine getrocknete Fuchszunge. Eine Mustersammlung an Exotica, Naturalia und Scientifica. Der Fluss an kultischen und alltäglichen Gebrauchsgegenständen wird immer wieder unterbrochen von Kunstwerken, welche im Kanon der Kunstgeschichte ihre feste Verankerung gefunden haben, Werke von Max Ernst etwa, Lucio Fontana oder Sophie Taeuber-Arp. Diese sind jedoch in das Geflecht aus Ethnografie, Medizingeschichte und Geologie nicht eingefädelt, um eine bestimmte kunsthistorisch gefestigte Position zu verteidigen, sondern vielmehr löst sich ihre formale Sprache auf und sucht neue Verwandtschaften.
Im Oberlichtsaal tritt man dann in ein mit schweren Vorhängen dramatisch akzentuiertes Kabinett mit Papierarbeiten von Kirstine Roepstorff. Nach dem vorausgegangenen Läuterungsweg erscheint der Stoff, aus dem die materialstarken Collagen hergestellt sind, sehr vertraut, das Wilde gezähmt und das Rohe gekocht.

Bis: 30.01.2011


Katalog mit einem Künstlergespräch mit Nikola Dietrich und Texten von Rebekka Ladewig und Andrea Kroknes, d/e.



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Ausgabe 12  2010
Ausstellungen Kristine Roepstorff [23.10.10-30.01.11]
Institutionen Kunstmuseum Basel/Hauptbau/Neubau [Basel/Schweiz]
Autor/in Isabel Friedli
Künstler/in Kirstine Roepstorff
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