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12.2010




Hamburg : Milk Drop Coronet


von: Patricia Grzonka

  
links: Jochen Lempert · o.T., 2005, Courtesy: ProjecteSD, Barcelona, Sabine Schmidt Galerie, Köln ©ProLitteris
rechts: Thomas Bayrle, Camera gummi arabicum, 1980 -1987 / 2010 ©ProLitteris


Die Eigenproduktion "Milk Drop Coronet" von Camera Austria, der Zeitschrift für zeitgenössische Fotografie und gleichzeitig Ausstellungsinstitution, ist ein Projekt, das sich auf mehrere theoretische Pfeiler stützt und das formal auf eine grosse Geste der Vereinheitlichung setzt. Betritt man den Ausstellungsraum, so überblickt man 30 Glasvitrinen im Format 90 x 140 cm in Tischhöhe. Die Vereinheitlichung basiert auf dem kuratorischen Konzept von Maren Lübbke-Tidow und Reinhard Braun, die 30 Kunstschaffende eingeladen haben, je eine solche Vitrine zu bespielen: Als exemplarische Modellsituation, in der die Kunstschaffenden die «Virtuosität des Dinglichen» reflektieren sollen. Das Vitrinendisplay erwies sich als eine «entschleunigende» räumliche Disposition, in der die vorgegebene «Lesesituation» sowohl eine konzentrierte Hinwendung zu den Exponaten nahelegt als auch auf eine wissenschaftliche Forschungsmethodik anspielt. Andererseits lässt sich flanierend auch ein ganz anderer Modus der Ausstellungsaneignung erproben.
Die verschiedenen Auffassungen der Rezeption finden eine fast paradoxe Entsprechung in der Hinwendung zu den Bildgegenständen selbst: Mittels der Fotografie wird das Verhältnis von abgebildeter Objektwelt und aneignendem Aufzeichnungsverfahren thematisiert. Im Sinne einer klassischen Fotografieausstellung beschäftigen sich einige der Kunstschaffenden wie Barbara Trautmann oder Susan Howe und James Welling mit dem prekären Status der Bildwerdung von Gegenständen. Das Prozesshafte in der Fotografie wird bei einer Schnappschussserie von Hans-Peter Feldmann thematisiert, ein fotografiehistorisches Wiedergabeverfahren etwa bei Susanne Winterling. In positivistischer Gegenständlichkeit finden reale Dinge wie Bücher oder Puzzles bei Margarete Jakschik oder Tatiana Lecomte Verwendung und verweisen damit auch auf Verfahren des Zeigens und Benennens im Dienste einer "Neuen Sachlichkeit".
"Milk Drop Coronet" ist als Referenz auf jenes berühmte Foto von Harold Edgerton (von 1957) zu sehen, das den Aufprall eines Milchtropfens in einem Status des Übergangs festhält: Milch, die durch die fotografische Aufnahme und Wiedergabe die Form eines Atompilzes annimmt.

Bis: 16.01.2011



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Ausgabe 12  2010
Institutionen Camera Austria [Graz/Österreich]
Autor/in Patricia Grzonka
Künstler/in Barbara Trautmann
Künstler/in James Welling
Künstler/in Jochen Lempert
Künstler/in Thomas Bayrle
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