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Fokus
1/2.2011


 In Rettungsdecken verpackt wandelt der griechische Künstler Yorgos Sapountzis durch eine nächtliche Stadt. Er lässt sich von Überwachungskameras filmen und führt Performances wie einen Tanz, eine Prozession oder ein Gedicht auf. In Zürich werden seine Arbeiten jetzt in der Galerie Freymond-Guth gezeigt, zudem findet eine performative Begegnung mit dem "Höllentor" von Auguste Rodin statt. Dieses schmückt seit 1949 die Fassade des Zürcher Kunsthauses. Bis kurz vor seinem Ende arbeitete der französische Bildhauer an der Darstellung des existenziellen Kampfes gegen die Hoffnungslosigkeit und Endgültigkeit des Todes. Das Höllentor ist nicht das erste Monument, dem Sapountzis einen Besuch abstattet.


Yorgos Sapountzis - Der Tanz des Bildhauers


von: Christiane Rekade

  
links: Yorgos Sapountzis · The plinth and the view, 30.1.2010, Performance, 20', MUSAC Leon Spanien. Courtesy Isabella Bortolozzi, Berlin/Loraini Alimantiri Gazonrouge, Athen
rechts: Yorgos Sapountzis · Fundaments on curves, 2009, Collage - Zeitung, Tinte, Reissnägel, Münzen. Courtesy Isabella Bortolozzi, Berlin/Loraini Alimantiri Gazonrouge, Athen


In seinem Video "Gold (Thessaloniki)", 2005, sieht man den Künstler unter einer dieser Goldfolien, die als Rettungsdecken verkauft werden, durch das nächtliche Thessaloniki wandeln. Er sieht aus wie ein glitzernder Berg, der sich immer wieder an eines der Monumente und Statuen der Stadt lehnt oder sich einfach neben sie stellt.
Das Video ist ein poetischer, sinnlicher Gang durch die Nacht, eine Bewegung, welche den Blick auf die Figuren im öffentlichen Raum lenkt. Über den seltsamen, verhüllten Körper werden die Monumente miteinander verbunden und in Bezug gesetzt - zum Körper des Künstlers, zum öffentlichen Raum, zum Publikum. Der Blick auf die Skulptur und die Erscheinung des Körpers im Raum sind Ausgangspunkte der Videos, Performances und Installationen von Yorgos Sapountzis.

Ordnung und Chaos
Sapountzis' Interesse am Experimentieren mit Skulpturen und deren Wirkung und Bedeutung im öffentlichen Raum hat seinen Ursprung wohl auch in der Fülle antiker Monumente in seiner Geburtsstadt Athen. Die ständige Auseinandersetzung mit seinem kulturellen Erbe zeigt sich auch in der Video-Installation, die er für seine Nominierung für den Deste Prize 2009 im Museum für Kykladenkunst, Athen, realisierte. Für das Video "The Heritage of its Architecture", 2009, liess sich Yorgos Sapountzis nachts im Museum von der Überwachungskamera filmen, während er zwischen den Vitrinen mit den prähistorischen Skulpturen eine neue Installation aus bunten Stofftüchern und Alustangen konstruierte. Das Video mixte er mit eigenen Aufnahmen: Schnell wechselnde Perspektiven vermischen sich mit den Spiegelungen der kykladischen Vasen und Figuren im Glas der Vitrinen und den Farbflächen der Stoffe. Harter Elektrosound verstärkt die Verwirrungen des Blicks.
Für die Präsentation des Films baute Sapountzis eine zeltartige Konstruktion aus farbigen Tüchern und projizierte das Video auf zwei Stoffwände. Die nächtliche Performance, das Video und die Installationen verbinden sich zu einem einzigen dichten System, in dem sich Formen wiederholen, neu formatieren und prähistorische Objekte auf das Vokabular der Moderne treffen. Das mag auf den ersten Blick chaotisch erscheinen. Doch mit beinahe choreographierten Bewegungen schafft der Künstler so neue Kombinationen und Abläufe: «Ich errichte ein Chaos, damit ich Ordnung schaffen kann.»
Tatsächlich hängen die unterschiedlichen Arbeiten von Yorgos Sapountzis zusam­men, bedingen sich gegenseitig und entwickeln sich weiter: Die Installationen entstehen aus ihrer Funktion als Display für die Videoprojektionen oder bleiben als Relikt von Performances zurück. Die Videos wiederum sind Aufzeichnungen der Performances. Poster aus bemaltem und vom Künstler besticktem Zeitungspapier dienen jeweils der Ankündigung einer Performance oder einer Ausstellung.

Techne
Dabei ist die Handarbeit ein entscheidener Faktor bei allen Arbeiten. Sapountzis verwendet Material, das er selbst bearbeiten, installieren und transportieren kann. Der ursprüngliche griechische Begriff der τέχνη (techne) - der Fähigkeit, Kunstfertigkeit, des Handwerks - unterscheidet nicht zwischen den heutigen Kategorien Kunst und Technik. In Sapountzis Arbeiten ist die Technik/das Medium oft bestimmend für die Form: Etwa im Gebrauch von Überwachungskameras oder Webcams für die Aufzeichnung seiner nächtlichen Performances, in der Konstruktion von Projektionsflächen für die Videos, in der elektronischen Musik, mit der er seine Filme (und Performances) unterlegt. So entwickelt der Künstler auch eine Gruppe von Alu-Papier-Skulpturen in der Form von Fahrradrahmen. Für alle seine Arbeiten benutzt er immer dieselben Materialien: bunte Stofftücher, Alustangen oder biegsame Plastikröhren, Klebeband, Schnur, Zeitungspapier. Diesen Werkstoffen sind gewisse Qualitäten gemeinsam: Sie sind flexibel, dehnbar, ihr Volumen lässt sich reduzieren, sie sind leicht transportierbar. Es sind Materialien, die mit dem menschlichen Körper bewegt werden können - Stoffbänder oder -tücher, wie sie etwa Kunstturnerinnen für die Bodengymnastik verwenden.
So sind die Materialien in gewisser Weise auch bestimmend für die Struktur der Performances: «Wenn ich eine Performance realisiere, gibt es immer einige Elemente - beispielsweise das Material, die von Anfang an klar und definiert sind. Gleichzeitig versuche ich zu reagieren, mit dem Publikum Kontakt aufzubauen und die Kreativität des Momentes zu nutzen.» Die Performances von Yorgos Sapountzis haben etwas von einem Tanz, einer Prozession und einem Gedicht. Tanz, weil die Bewegungen einem Rhythmus unterliegen, sich wiederholen, eine Form bilden: Schritte, ein Wiegen, ein Nicken, Vor- und Rückwärtsgehen. Prozession, weil die Zuschauer miteinbezogen werden: Sie bekommen etwa Zeitungshüte, farbige Stoffumhänge zum Tragen oder Alustangen in die Hand gedrückt, wie bei der Performance "The Distances Between Teeth and Street", 2010. Für "Field Trip", 2010, eine Ausstellung in Form eines Spazierganges durch die Humboldt-Universität in Berlin, verteilte Sapountzis Zweige und Äste mit farbigen Stoffbändern an das Publikum, so dass daraus eine Prozession wurde, die sich wie ein wandelnder Wald durch die Hallen, Säle und Korridore der Universität bewegte. An ein Gedicht erinnern die Performances in ihrer starken Konzentration, der Verdichtung und der Spannung, die im Leerraum entsteht.

Ein flüchtiger Besuch
In der spontanen Aneignung und Besetzung des öffentlichen Raumes und im gleichzeitigen Unterlaufen bestehender Strukturen und Autoritäten, lassen sich auch Parallelen zu gewissen Formen der Streetart sehen: Etwa zu jener der Skateboarder, Breakdancer oder Traceurs, die den öffentlichen Raum und seine Monumente für ihre Sprünge, Drehungen und «Parkours» nutzen.
Sapountzis gelingt es, eine Spannung, eine Verbindung zwischen Zuschauer und Performer und dem öffentlichen Raum zu erzeugen. Mit seinen Performances eröffnet er einen neuen Blick auf vertraute Umgebungen. Alltägliche Bewegungen und Geräusche werden plötzlich genauer wahrgenommen, Orte werden umdefiniert: «In meinen Performances geht es mir immer darum, etwas zu bauen, etwas zu konstruieren. Es ist wie der Tanz des Bildhauers um sein Werk.»
Auch Auguste Rodin hat um sein Werk gerungen: Fast 37 Jahre brauchte er bis zur Vollendung des von Dante Alighieris "Göttlicher Komödie" inspirierten "Höllentors". Der erste Bronzeguss wurde posthum (1926) ausgeführt. Der Besuch von Sapountzis bei dem acht Tonnen schweren Monument wird hingegen ein kurzer, flüchtiger sein. Es sind die Gegensätze, die ihn interessieren: «Für mich ist das Höllentor eine der besten Arbeiten von Rodin - was mich daran interessiert, ist, dass Rodin es verstanden hat, der Darstellung durchaus etwas "Heiliges" zu geben und doch ist das Höllentor keine religiöse Darstellung. Auch meine Performances haben ja oft etwas von einer Prozession, aber sie sind nicht religiös.» Wie bereits in früheren Aktionen wird Sapountzis auch dieses Mal einer für die Ewigkeit gegossenen, schweren Bronze mit der Leichtigkeit seiner ephemeren Skulpturen und flüchtigen Handlungen begegnen.

Christiane Rekade ist Kuratorin und lebt in Berlin.


Performance vor dem Kunsthaus Zürich, 26.1., 20.30 Uhr



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Ausgabe 1/2  2011
Ausstellungen Yorgos Sapountzis [21.01.11-19.02.11]
Institutionen Freymond-Guth Fine Arts [Zürich/Schweiz]
Autor/in Christiane Rekade
Künstler/in Yorgos Sapountzis
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