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Fokus
1/2.2011


 Erstaunlich, das Werk von Mona Hatoum wurde in der Schweiz bisher wenig gezeigt. Zwar hat sie 2004 im Kunsthaus Zürich den Roswitha Haftmann-Preis, die höchstdotierte Auszeichnung für Kunst in Europa, erhalten. Dennoch war sie bisher nur mit einzelnen Arbeiten in der Kunsthalle Basel oder im Kunsthaus Aarau präsent. Dies ändert sich nun, denn Hatoum hat soeben in der Hochschule der Künste Bern die permanente Installation "Silver Lining" realisiert. Als Expertin der Kantonalen Kunstkommission war die Künstlerin Lisa Hoever involviert.


Mona Hatoum - Die Weltdecke


von: Hans Rudolf Reust

  
links: Mona Hatoum · Silver Lining, 2011, Neoninstallation, Hochschule der Künste, Bern
rechts: Mona Hatoum · Map, 1998, Glaskugeln. Courtesy Kunsthalle Basel


Dicht an den Gleisen, beim S-Bahnhof Bern Bümpliz-Nord, stehen die Shedhallen einer ehemaligen Textilfabrik, in der neu die Hochschule der Künste Bern untergebracht ist. Die Renovierung der grosszügigen Fabrikräume bot der Kunstkommission des Kantons Bern die besondere Gelegenheit, Kunst für die Künste entstehen zu lassen. In engem Kontakt mit den Nutzern wurde 2004 ein Direktauftrag an die in Berlin und London lebende Künstlerin Mona Hatoum vergeben.
Nach einem ersten Besuch noch vor dem Umbau formulierte Hatoum mehrere Projekte. Schliesslich entschied sie sich zu einer Intervention in der zentralen Werkstrasse des Erdgeschosses. Für die Künstlerin war es zunächst das erste, und nach sechs Jahren ist es immer noch ihr grösstes Projekt für einen Bau. Mit der Grundfläche von 550 m2 dürfte diese Arbeit auch eine der umfassendsten Interventionen von Kunst und Bau in der Schweiz sein. Zur Finanzierung hat die Hochschule der Künste Bern mit eigenen Ressourcen und einer gelungenen Fundraising-Aktion wesentlich beigetragen.

Eine neue Form von Historienbild
Die langgezogene Passage wird neu von einem Neon-Himmel erleuchtet. Helle, fein fliessende Linien, die sich zu kleineren oder grösseren Flächen schliessen, bilden gemeinsam ein unregelmässiges Muster, das sich ausufernd über die riesige Decke hinzieht, um am Horizont zu einem vibrierenden Lichtmeer zu verschmelzen und schliesslich in den Spiegelungen auf dem entfernten Glastor über die Grenzen des Hauses weiter zu leuchten. Der Vorschein von Unendlichkeit begegnet der Pragmatik von Lifttüren, dem Kopierer und einem Kaffeeautomaten, vor allem aber den vielen Leuten und Dingen, die hier ständig zirkulieren.
Licht spielt im Werk von Mona Hatoum schon lange eine herausragende Rolle, durch pulsierend aufleuchtende oder mechanisch bewegte Glühbirnen, aber auch in der Form von Neon. In Bern wird dieses gewöhnlich der Architektur zugeordnete Element in ein Material der Kunst verwandelt. Mit der spürbaren, öfters auch brummend hörbaren Präsenz von elektrischem Strom bringt die Künstlerin ein unterschwellig bedrohliches Spannungsmoment ein: «under current».
Später erst, vielleicht eher zufällig, beginnen sich die kühl strahlenden Linien einer ikonischen Lektüre zu öffnen. Die prägnanten Umrissformen Italiens oder der australische Kontinent erinnern daran, dass dieses Ornamentband die politische Geografie der ganzen Welt versammelt. Einzelne Länder aus der Reihe aller dargestellten UNO-Staaten sind aufgrund ihrer tektonischen Eigenheiten sofort erkennbar, andere nur Eingeweihten. Viele Formen bleiben schlicht abstrakt, begrenzt durch kurvenreiche Küstenlinien oder strenge Winkel und Geraden, wie sie die Kolonialpolitik auf den Landkarten des 19. Jahrhunderts gezogen hat. Wie oft in den Werken von Mona Hatoum mischt sich die kritische Reflexion allmählich ins reine Sehen ein. Der formale Minimalismus erweist sich hier als komplexe Denkfigur, als eine neue Form von «Historienbild»?
Durch Konturlinien scharf isoliert und als leuchtende Partikel in einem immensen Archipel lose nebeneinander gesetzt, werden die Bausteine der politischen Geographie noch einmal prekärer, als sie im Alltag schon sind. Zwischenräume zeigen die Länder einander fremd, zugleich nähern sie sich als gleichwertige Formen mit derselben Leuchtkraft in einer übergreifenden Struktur wieder an. Das Verlassen oder Fremdwerden des Vertrauten ist die Herausforderung, die Studierende und Mitarbeitende mit unterschiedlichem biografischem Hintergrund in diesem Haus immer umtreiben wird. Geschäftliche und touristische Mobilität einerseits, erzwungene Migration andererseits lassen heute die Grenzen ganz unterschiedlich erfahren als Momente der persönlichen Überschreitung oder der machtpolitischen Ausgrenzung.

Das Potenzial von Überschreitungen
Auch um dies zu reflektieren, versetzt uns Hatoums Corso der Nationen in eine metanationale Perspektive. «The Entire World as a Foreign Land», so lautete der nach Edward Said zitierte Katalogtitel zu ihrer Ausstellung in der Tate Britain in London 2000. Darin wird die persönliche Erfahrung der Emigration aus einer palästinensischen Familie nach London umfassend reflektiert. In einem Filminterview zu dieser Ausstellung bezieht sich die Künstlerin auf Saids Essay "Reflections on Exile", 1984, und beschreibt «... the exile as someone who is continuously in a state of restlessness, like trying to make sense of the environment and trying to compensate for a sense of loss of the original home by creating a world of their own. (...) I feel most comfortable when I'm moving around constantly, leading a nomadic life and doing exhibitions and residences here and there and everywhere, that makes me much more comfortable than expecting everything to be provided by one place or one environment or one culture. I enjoy moving in and out of all the different cultures and playing with inputs from all the different places.» (Mona Hatoum)
Wenn Bice Curiger die kommende Biennale in Venedig unter den Titel "IllumiNations" stellt, dann möchte sie neben der grossen kuratierten Ausstellung auch die ungeregelte Verschiedenheit der Länderbeiträge wieder in einem anderen Licht erfahren lassen. Das Potenzial für Überschreitungen in der Kunst liegt heute weder im globalisierenden Überblick noch im begrenzten Einblick, sondern im Weitblick, mit dem nomadische Bewegungen konkret und nachvollziehbar werden. So sind auch die Durchgangsformen von "Silver Lining" wahrhafte Illuminationen. Wie Wolken treiben die Licht-Länder in wilder Drift über die Köpfe der Passantinnen und Passanten weg. An ihren Rändern beginnen sie zu leuchten. "Every cloud has a silver lining" - im Werktitel spielt Mona Hatoum auf dieses englische Sprichwort an und damit auf ein unübersehbares Indiz zur Hoffnung.

Hans Rudolf Reust, Kunstkritiker, Studienbereichsleitung Fine Arts Hochschule der Künste Bern, Präsident der Eidgenössischen Kunstkommission.



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Ausgabe 1/2  2011
Institutionen Hochschule der Künste Bern [Bern/Schweiz]
Autor/in Hans Rudolf Reust
Künstler/in Mona Hatoum
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