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Fokus
1/2.2011


 Wenige Künstler polarisieren derart stark wie Mark Divo. Für die einen sind seine Installationen eine Mischung aus Trödelmarkt und Abfallhaufen, für die anderen vielschichtige offene Kunstwerke, die Geborgenheit und Freiheit vermitteln. Ob man die schrulligen Formfindungen nun mag oder nicht: Im Diskurs über das Lebens- oder Gesamtkunstwerk kommt man an Mark Divo nicht vorbei, denn kaum ein anderer zeitgenössischer Künstler zelebriert die Verschmelzung von Kunst und Leben derart allumfassend. Im Frühjahr wird er in Zürich und in Weesen mit seinen «bewohnten Skulpturen» präsent sein.


Mark Divo - «Ist's Wahnsinn auch, so hat es doch Methode»


von: Oliver Kielmayer

  
links: Mark Divo · Nach der Finanzkrise, aus der Serie "Jugend ohne Anker", 2008, 98 x 98cm, Öl auf Leinwand
rechts: Mark Divo · Sammlung Häuser und Wir, 2002-03, bewohnte Skulptur an der Plattenstrasse 32 in Zürich


Über die Jahre hinweg sind die Aktivitäten von Mark Divo als Veranstalter in der Hausbesetzerszene mit seinen Kunstwerken zu sogenannten «bewohnten Skulpturen» zusammengewachsen. Soziologisch bemerkenswert ist dabei, dass sich Menschen aus sämtlichen Generationen und Gesellschaftsschichten wohl darin fühlen, kunsthistorisch ist festzustellen, dass Jahrzehnte nach dem Lamento über die ewige Wiederkehr des Gleichen ein neues Genre der Kunst entstanden ist.
Kielmayer: Du hast nie eine Kunstausbildung gemacht und warst zunächst vor
allem als Organisator von Veranstaltungen und Festivals tätig. Wie kamst du überhaupt zur Kunst?

Divo: Die Kunst war immer schon ein Teil meines Lebens, eigentlich war ich immer gleichzeitig Künstler und Organisator. Ich habe immer viel gezeichnet und während meines Publizistikstudiums sprayte ich Graffitis, danach zog es mich nach Berlin in die Hausbesetzerszene, wo ich vor allem Comics zeichnete, Wandbilder malte und Installationen baute. Im besetzten Haus an der Dunckerstrasse organisierte ich parallel dazu gemeinsam mit den anderen Bewohnern von Anfang an Veranstaltungen; dies vor allem, um positive Medienpräsenz zu erhalten und derart die Akzeptanz in der Bevölkerung zu verbessern.

Kielmayer: Waren das damals bereits bewohnte Skulpturen?

Divo: Ja, doch die Bezeichnung verwende ich erst seit 2005 anlässlich der Biennale in Prag. Ich vertrat immer schon die Meinung, dass man Häuser nicht einfach besetzen sollte, sondern dass man sie mit einem Programm bespielen und nach aussen hin öffnen müsste. Es ging darum, den annektierten Raum mit allen anderen zu teilen, und so verstand ich meine Salons, die ich von Anfang an regelmässig durchführte, immer auch als ein sozialpolitisches Engagement.

Von Junkies und Yuppies
Kielmayer: Von Berlin kamst du in die Zürcher Besetzerszene, die du in den Neunzigerjahren massgeblich mitgeprägt hast. Wie war die Reaktion auf deine Ideen?

Divo: Meine erste wichtige Station war das Wohlgroth-Areal. Da gab es einerseits die übliche Mischung aus Junkies, Verbrechern und Aktivisten, andererseits auch viele berufstätige Leute. Für beide Gruppen waren meine Ideen eher anstrengend; für die einen, weil sie eh nichts mehr auf die Reihe kriegten, für die anderen, weil sie zu wenig Zeit hatten. Nach längeren Reisen quer durch besetzte Häuser Europas kam ich 1999 wieder in die Schweiz. Es lief wirklich gar nichts und so besetzte ich mit ein paar Leuten den Glacégarten. Hier kommunizierten wir zum ersten Mal bereits vor der Besetzung ein reiches Veranstaltungsprogramm.
Die folgenden Besetzungen, 2001 das Ego-City, danach die Greulichstrasse, waren eher frustrierende Erlebnisse. Die klassische Hausbesetzerszene definierte sich mehr über Kleidung und Mode als über kreative Ideen. Man war gegen die von mir propagierte Öffnung und schien sich vor Yuppies und Leuten, die keine Dreadlocks hatten, geradezu zu fürchten. Nach der Besetzung an der Greulichstrasse, die in Drogendealereien und Schlägereien endete, hatte ich von der Besetzerszene die Nase voll.

Kielmayer: Und hast auch sogleich eine deiner wichtigsten und folgenreichsten Besetzungen gemacht, nämlich jene des Cabaret Voltaire.

Divo: Ich war gerade in Berlin, als mir ein Bekannter von einem leeren Haus im Niederdorf erzählte. In der Tat war es das Cabaret Voltaire und ich beschloss mit ein paar Freunden, das Haus mit einem performativen Akt zu besetzen. Wir kleideten uns schön adrett, installierten uns im Haus und behaupteten einfach, dass wir die neuen Eigentümer seien. Für ein paar Stunden glaubte man uns das sogar!

Kielmayer: Die Aktion lenkte viel Aufmerksamkeit auf das Haus, auch weil die Öffentlichkeit erfuhr, dass eine geschichtsträchtige Liegenschaft verscherbelt werden sollte. Dass es heute das Cabaret Voltaire überhaupt noch gibt, ist wohl eurer Besetzung zu verdanken.

Divo: Auf jeden Fall. Allerdings kann man sich fragen, ob ein Auktionshaus wirklich schlechter gewesen wäre als das, was es heute ist.

Kielmayer: Dein Werk hat viele Berührungspunkte mit dem Dadaismus, vor allem in den Grenzverwischungen zwischen Sinn, Unsinn und Übersinn. Zudem gibt es viele Referenzen aus Biedermeier und Barock. Betrachtet man das Konzept des «Homing» aus der Trendforschung, dann ist der Biedermeier mit seinem Rückzug auf die kleine Form und die Gestaltung des Privaten ausgesprochen aktuell. Du machst ja eigentlich nichts anderes, einfach in einer öffentlicheren Version.

Retrogarde statt Avantgarde
Divo: Einerseits ist der Biedermeier das Spiessigste vom Spiessigen. Andererseits ist er die Antithese zu Modernismus, Funktionalismus und künstlerischer Avantgarde, worin ich mich durchaus wiedererkenne: Ich bin ein retrogardistischer Künstler. Den Dadaismus fand ich immer schon interessant - nicht nur wegen seiner Widersprüchlichkeit und Negation, sondern auch wegen seinem politischen Anspruch.

Kielmayer: Deine bewohnten Skulpturen sind eine sehr ambivalente Mischung aus aufrichtigem Zitat und gleichzeitiger Persiflage. Einerseits nagelst du Bücher an die Wand und machst derart einen kritischen Kommentar zum oberflächlichen, dekorativen Umgang mit Wissen, andererseits schätzt du bürgerliche Werte wie originale Kronleuchter, echte Antiquitäten und Kunstwerke an den Wänden.

Divo: Ja, aber es geht immer auch um eine Dekonstruktion des bürgerlichen Begehrens. Einerseits mache ich meine Kunstwerke, weil ich mir einen echten Caspar David Friedrich nicht leisten kann. Andererseits bin ich der Meinung, dass Leute, die sich Kunst kaufen, eigentlich nur zu blöd sind, um sie selber zu machen.

Kielmayer:
Mittlerweile haben sich deine bewohnten Skulpturen weiter entwickelt, sie sind unabhängiger geworden. Für ein Kunst und Bau-Projekt an der Kantonsschule Birch in Oerlikon hast du 2004 erstmals eine bewohnte Skulptur für andere Nutzer gebaut; oder man präsentiert sie in Museen als ganz normales Kunstwerk, wie neulich im Fridericianum.

Divo: Ich benutze die Kunst vor allem, um Menschen zusammenzubringen. Dabei ist mir wichtig, dass Leute mit wenig Verständnis für Kunst ein positives Erlebnis haben können. Dies funktioniert natürlich auch, indem ich eine Skulptur für andere Bewohner als mich selbst mache, oder aber indem ich mit anderen Künstlern gemeinsam an einer Installation im Museum arbeite, die während der Ausstellung von verschiedenen Leuten für Aktivitäten und Darbietungen genutzt wird. Ich generiere Begegnungsformate. Die bewohnte Skulptur ist eine Variante von sozialer Plastik.

Die Mutter aller bewohnten Skulpturen

Kielmayer: Die zeitgenössische Kunst tendiert momentan eher zu ernsthaften Auseinandersetzungen mit reduzierten Formfindungen. Bei dir geht es üppig zu und her, ja man kann häufig sogar selbst mitmachen und das Kunstwerk verändern. Es gibt die viel zitierte Meinung, ein Kunstwerk sei dann gelungen, wenn man nichts hinfügen oder wegnehmen könne. Dein Werk ist dazu wohl die totale Antithese.

Divo: Es ist auch ein Spiegel unserer Zeit und unserer Überflussgesellschaft. Es hat generell mit der Überladenheit unserer Zeit zu tun, es gibt ja alles im Überfluss. Aber es ist nicht nur ein Spiegel, sondern auch ein Kommentar. Überfluss wird kritisiert und zugleich zelebriert.

Kielmayer: Ausser deinen bewohnten Skulpturen, Bildern und Performances hast du eine Vielzahl langfristiger Strukturen produziert, darunter die Sammlung "Häuser und Wir" oder die "Krösus Stiftung". Die letzte solche Schöpfung ist das "D.I.V.O. institute". Dort wohnst du mit deiner Familie, es beherbergt Kunstwerke von dir und anderen Künstlern, es finden Veranstaltungen statt, ja es gibt sogar ein Artist in Residence-Programm. Ist die bewohnte Skulptur hier zur Vollendung gelangt?

Divo: Absolut, das "D.I.V.O. institute" ist die Mutter aller bewohnten Skulpturen, gleichzeitig eine Art Dachorganisation. Früher entkoppelte ich jede Aktion bewusst von meinem Namen und verwendete Pseudonyme. Die Depersonifizierung meiner Aktivitäten hat auch mit dem Künstlerkult zu tun, von dem ich nicht sehr viel halte.

Kielmayer: Kann man die Totalität des "D.I.V.O. institute" noch überbieten?

Divo: Es kann noch wachsen. Oder vielleicht eines Tages an einen anderen Ort ziehen.

Oliver Kielmayer (*1970, Baden) ist seit 2006 Leiter der Kunsthalle Winterthur. kielmayer@gmx.netnull


Bewohnte Skulptur und Veranstaltungsreihe, Rote Fabrik, Zürich, 16.-26.2.
"Hauseanum", bewohnte Skulptur mit einem Museum der fiktiven Gründerin der Hauswirtschaft Erna Hausi, Kunst am Bau-Arbeit, Eröffnung, Hauswirtschaftsschule, Weesen, 28.3.
Mark Divo, Monografie, Edition clandestin (April 2011)



Links

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Ausgabe 1/2  2011
Autor/in Oliver Kielmayer
Künstler/in Mark Divo
Link http://www.edition-clandestin.ch
Link http://www.divoinstitute.org
Link http://www.kroesus.org
Link http://www.rotefabrik.ch
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