Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
1/2.2011


Grit Weber :  Expressionismus ist weitaus mehr als ein künstlerischer Stil aus kräftigen Farben, brechenden Linien und harten Kontrasten. Expressionismus ist eine kollektive Bewegung, die alle Sparten der Kultur - Tanz, Lyrik, Literatur, Architektur, Musik und schliesslich Film und Oper - energetisch erfasste.


Darmstadt : Gesamtkunstwerk Expressionismus


  
Lavinia Schulz · Tanzmaske Toboggan Frau, um 1923, Draht, Pappmaché, Sackleinen, Schnallen und Leder. Wiederaufführung anslässlich der Ausstellungseröffnung Mathildenhöhe, 2010. Foto: W.Egli


Der Direktor der Mathildenhöhe, Ralf Beil, hat sich zum Ziel gemacht, eben jenen allumfassenden Begriff des Gesamtkunstwerks, wie ihn 1849 Richard Wagner programmatisch als «Vereinigung (...) nach Zeit und Ort, zu einem bestimmten Zwecke» formulierte, auf das Phänomen des deutschen Expressionismus anzuwenden. Die Ausstellung findet in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Filmmuseum statt, das wegen seines Umbaus in Frankfurt keine eigenen Räume zur Verfügung hat und sich gern für einige Monate in Darmstadt präsentiert. Dort zeigt es eine Auswahl beeindruckender Filme. Denn schliesslich bündelt kaum ein anderes Medium kollektive Leistungen so zur Idee des Gesamtkunstwerks: Wo noch finden sich architektonische, tänzerische, literarische und nicht zuletzt musikalische Elemente wieder, die sich auf Zelluloid zu einer modernen Bilderzählung formieren? Wir sehen Ausschnitte bekannter Werke, aber auch überraschende Raritäten, wie den Streifen "Nerven" von Robert Reinert von 1919, der den Besucher noch heute um den Verstand bringen kann. Die Schau, die in der Expressionismus-Reihe des "kulturfonds frankfurt rheinmain" ein leuchtendes Juwel ist, lenkt nicht nur den Blick auf Künstlergruppen und Netzwerke, sondern beleuchtet auch Individuen, die wie Egon Schiele, Bruno Taut oder Arnold Schönberg als Mehrfachbegabte in der Kunst, Architektur, Musik und anderen Sektoren ihr kreatives Wesen trieben. Von Schiele werden eine Reihe kurzer Gedichte vorgestellt, die sein Potenzial im Feld der Lyrik darlegen. Von Taut sehen wir den Animationsfilm seines Schauspiels mit symphonischer Musik.
In Darmstadt begegnen die Besucher einer Fülle von Kunstwerken, Dokumentationen und politischen Manifesten, welche in Materialien und Bezügen anschaulich und kulturhistorisch vertiefend die Jahre von 1905 bis 1925 als die expressionistischsten aller Zeiten darlegen, in der das bürgerlich gebremste Individuum um einen ästhetischen Ausbruch ringt. Überlegt man nach dem Gang durch die Ausstellung, was der Expressionismus bezweckte, dann lautet die nahe liegende Antwort: die überfällige ästhetische Neuausrichtung der Gesellschaft durch die Kunst. Und fragen wir Ralf Beil, warum er den Schlusspunkt dieser Dynamik just ins Jahr 1925 legt, dann begründet er dies mit der Tatsache, dass damals Adolf Hitler mit der Veröffentlichung von "Mein Kampf" Kräfte auf den Plan rief, die daraufhin eine ganz andere Neuausrichtung der Gesellschaft anstrebten.

Bis: 13.02.2011



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 1/2  2011
Ausstellungen Gesamtkunstwerk Expressionismus [24.10.10-13.02.11]
Institutionen Institut Mathildenhöhe [Darmstadt/Deutschland]
Autor/in Grit Weber
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=1102011000115SA-10
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.