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Besprechung
1/2.2011


Ursula Badrutt Schoch :  Auch in Zeiten des städtischen Agglobreis existiert das Dorf weiter – zumindest in der Erinnerung. Ein Beispiel ist Langenthal. Offiziell zwar eine Stadt, bezeichnen es die Bewohner als Dorf. Eine Ausstellung im Kunsthaus untersucht das Dorf zwischen sehnsuchtsvoller Idylle und wohlständigem Wohnort.


Langenthal : Das Dorf


  
Gijs Frieling · Alle Materie wird sich verklären, Kaseinfarbe, 2010


Tristesse an der Bahnhofstrasse: leerstehende Büroräume, klobige Wohnsiedlungen, Langeweile in alle Richtungen, Nieselregen. Wären da nicht die seltsam hohen Bürgersteige, es gäbe nichts Auffälliges. Denn Langenthal ist ein Dorf. Und Dörfer sind alle gleich; weder Stadt noch Land. Dass sich aus dieser Hypothese eine abwechslungsreiche Ausstellung machen lässt, ist dem Kunsthaus in eben diesem Langenthal zu verdanken. Obwohl: Frei von Langeweile ist auch sie nicht.
Als Erstes stolpern wir in den Dorfladen. Das Künstlerkollektiv myvillage.org hat sein Sortiment aus Produkten jener Dörfer, in denen die Künstlerinnen Kathrin Böhm, Wapke Feenstra und Antje Schiffers aufgewachsen sind, mit Langenthaler Konfi und Meringues erweitert. Der Charme des Tante-Emma-Ladens verbindet sich mit den Annehmlichkeiten von Online-Shopping. Yves Mettler, selbst im Agglodorf Morges aufgewachsen, beeindruckt mit zwei Toninstallationen. Für "Das Dorf ist ein Teil der Stadt" zeichnete er mit einem Langenthaler Chor ein Stück auf, das stellvertretend für das Liedgut steht, in dem von jeher die Beziehung zum Dorf sowohl glorifizierend als auch kritisch gespiegelt ist. Dörfliche Geräusche wie Brunnenrauschen oder Vogelstimmen hat Mettler notabene in Grossstädten wie Berlin und Paris gefunden.
«Wir gehen hin und wenn wir genug sind, gehört der Ort uns», sagt eine Teenagerstimme in der Arbeit von Sofie Thorsen und benennt so den Vorgang der Aneignung. Lena Maria Thüring nimmt sich der nachbarschaftlichen Beziehung zwischen Fürsorge, Argwohn und Missgunst an. Ein überdimensioniertes, regionaler Möbelmalerei nachempfundes Wandgemälde von Gijs Frielings verwandelt den Gang in ein dekoratives Bildprogramm. Bilderfreudig geht auch der Appenzeller Ueli Alder mit seiner Herkunft um. Seine fotografischen Reinszenierungen fokussieren die Nähe zwischen Wildwest-Motiven und sennischen Bräuchen. Ein Traktor Marke Eigenbau thront im Obergeschoss und ergänzt als Objet trouvé die dokumentarischen Recherchen von Lukasz Skapski zum Erfindungsreichtum der Dörfler. Die thematisch breit gefächerten zehn Positionen - weiter mit dabei sind Urs Hug und Reto Leibundgut - finden eine gemeinsame Klammer in ihren Untersuchungen zum Spannungsfeld zwischen Klischee und Realität. Dabei erweist sich die Frage nach dem Umgang mit traditionellen Vorgaben und ihren Entwicklungsmöglichkeiten als zentral.

Bis: 30.01.2011


Symposium zu "Kunst und Dorf" am 21.1., 15-20 Uhr, mit u.a. Astrid Wege zum Festival der Regionen in Oberösterreich, Anne Kersten zu Rural Art & Urban Farming.



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Ausgabe 1/2  2011
Ausstellungen Das Dorf [25.11.10-30.01.11]
Institutionen Kunsthaus Langenthal [Langenthal/Schweiz]
Autor/in Ursula Badrutt Schoch
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