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Besprechung
1/2.2011


Claudia Jolles :  Die ungarische Künstlerin Róza El-Hassan hat in der Galerie Tony Wuethrich geflochtene Zeichnungsmappen deponiert, ein Schiff auf einen Sockel gestellt und den rollenden Fussball zum Stillstand gebracht - als symbolträchtige Hinterlassenschaft ihrer Recherchen zu kollektiven Lebensentwürfen.


Basel : Róza El-Hassan, "Drop and Roll"


  
Róza El-Hassan · See youtube (DAC-Slovan), 2010, Bronzeguss, Glas, Eisenplatte, 165 x 50 x 125 cm, Serie von 5 Unikaten. Courtesy Touy Wuethrich Galerie


Behängt mit einem Kranz von Glastränen, aufgespiesst auf einer Eisenstange schwebt der blank polierte Bronze-Fussball wie eine Trophäe über einer rostigen Platte. Triumph und Tränen sind beim Fussball eng verbunden - auf dem Spielfeld wie auch in den Zuschauerrängen, wo kollektive Identitäten aufeinanderprallen. Auslöser des Werks von Róza El-Hassan war der YouTube-Film eines slowenischen Fussballspiels, bei dem nationale Sicherheitstrupps und Fangruppen aufeinander- prallten und sich eine Schlacht mit Schwerverletzten lieferten.
Wie immer sind die Anspielungen der Künstlerin in diesem Mahnmal verhalten und erschliessen sich erst durch den Titel sowie über weitere Objekte und Zeichnungen. Und wie immer sind die Grenzen zwischen ästhetischen und sozialen Recherchen fliessend. So auch bei den aus Schilfrohr und bunten Stoffbändern geflochtenen Mappen. Wie zufällig hingestellt lehnen sie an der Wand und fügen sich bestens ins Galerienambiente, zu den Papierarbeiten und den Gemälden mit den fein gezeichneten oder hingewischten Flechtstrukturen. Dennoch fragt man sich: Sind die Mappen Transportmittel oder autonome künstlerische Werke, ästhetische Statements oder Teil eines sozialen Beschäftigungsprojektes?
Die Zeichnungen legen dazu zahlreiche Fährten: Das Blatt mit den drei gemalten Ausrufezeichen - eines davon leuchtend rot, mit Blumen dekoriert - ist beispielsweise Teil einer visuellen Erzählung und zugleich Skizze einer monumentalen Skulptur für den Aussenraum.
El-Hassans Papierarbeiten öffnen mentale Räume, in denen sich Performances, Objekte oder in jüngerer Zeit vermehrt auch soziale Projekte entwickeln. Die zwischen unterschiedlichen Kulturen pendelnde Künstlerin erläutert: «Am Anfang eines Projektes steht eine Linie oder ein Punkt, und da heraus wachsen Projekte, es kann eine grosse Skulptur werden oder ein gesellschaftlicher Prozess.» Gezielt geht sie mit bestimmten sozialen Gruppen Kooperationen ein, so mit einer ungarischen Roma-Gemeinschaft, die nach El-Hassans Entwürfen Objekte aus Schilfrohr flicht. Aus dieser engen Verschränkung von ästhetischen und sozialen Prozessen resultieren keine glatt geschliffenen Objekte. Doch spricht aus diesen nicht weniger als die Hoffnung, dass mit Kunst die Welt noch zu retten sei.

Bis: 05.02.2011



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Ausgabe 1/2  2011
Ausstellungen Roza El-Hassan [29.11.10-05.02.11]
Institutionen Tony Wuethrich [Basel/Schweiz]
Autor/in Claudia Jolles
Künstler/in Róza El-Hassan
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