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1/2.2011




Lugano/Zürich : Nobuyoshi Araki


von: Johanna Encrantz

  
links: Nobuyoshi Araki · Sentimental Journey/Winter Journey, 1971-1990, Silbergelatineprint. Courtesy Yoshiko Isshiki Office, Tokyo
rechts: Nobuyoshi Araki · A's Lovers, o.D., Farbfotografie. Courtesy Yoshiko Isshiki Office, Tokyo


Verklemmte Sex-Fantasien und zugleich ein riesiges Potenzial an Wahrnehmungsfähigkeit? Als Stilist seiner Umwelt funktioniert der japanische Fotograf Nobuyoshi Araki (*1940) wie der Spiegel einer gespaltenen Gesellschaft.
Arakis Bilder zeigen die Fotografie als Ersatzhandlung: «Kinbaku», die Fesselung nackter Frauen, machten ihn im Westen bekannt. In Japan geniesst der ehemalige Werbefotograf und Filmhochschulabsolvent Kultstatus. Die Fesselung als Weiterführung der Verpackungskunst und des Blumensteckens, um die Schönheit des Objekts zu zeigen? - Arakis Frauenbild scheint schwierig: «Bei uns sind die Frauen wie Pflanzen, im Westen haben sie den Glamour wilder Tiere», meinte er provokativ in einem Interview mit der deutschen "Welt".
Im Museo d'Arte in Lugano werden neben den "Kinbakus" auch andere Arbeiten gezeigt. Erst das Nebeneinander von Tagebuch, Männerporträts, Stadtszenen, Polaroids, Blumenstillleben, Architektur und den "Nudes" ergibt einen tieferen Sinn: die Stilisierung eines an sich kalten, oberflächlichen Kosmos der Millionenstadt Tokyo in Chiffren und Codes. Immer wiederkehrende Bildinhalte wie Eidechsen, Katzen, Pflanzen, Wolken und nackte Frauenkörper verschmelzen zu einer Synthese von Empfindsamkeit und Erotik.
Neben dem Pornografischen lebt die Poesie: "Sentimental Journey" ist das Tagebuch seiner Flitterwochen und einige Jahre später der Abschied von seiner Frau. Es ist die Reise Arakis -
ein bekennender Fan von Jean-Luc Godard - in die Selbstreflexion. Der Tod als letztes Tabu: Mit der Kamera beobachtet er sich selbst angesichts des Sterbens seiner Frau Yoko - und beinahe schon zynisch des Sterbens seiner Lieblingskatze Chibo.
Arakis komplettes Werk ist sein «Ich-Roman»: Wie Robinson Crusoe oder Nabokov in "Lolita" erzählt das Ich seine Geschichte, sei es, um die Fiktion als eigene Erfahrung darzustellen, sei es, um die äussere Welt aus einer Perspektive des Innern zu beschreiben. Und trotzdem -
wer ist es, dem das schöne Mädchen im prächtigen Kimono neben Plastikungeheuern und offenen Fesseln in "A's Lovers" in die Augen blickt? Trostlos, einsam und wunderschön arrangiert.

Bis: 20.02.2011



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Ausgabe 1/2  2011
Ausstellungen Nobuyoshi Araki, Edward Lipski [20.11.10-29.01.11]
Ausstellungen Nobuyoshi Araki [23.10.10-20.02.11]
Institutionen Galerie Bob van Orsouw & Partner [Zürich/Schweiz]
Institutionen MASI/Collezione Giancarlo e Danna Olgiati [Lugano/Schweiz]
Autor/in Johanna Encrantz
Künstler/in Nobuyoshi Araki
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