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Hinweis
1/2.2011




Zuoz : Barbara Probst


von: Hans Rudolf Reust

  
Barbara Probst · Exposure #74: Wagenbrüchsee, Bayern, 09.19.09, 5:22 p.m., 2009, Ultrachrome auf Cotton-Papier, 2 Teile, 91,4 x 176,9 cm


Die idyllisch verschneite Landschaft des Engadins wirkt in der Sonne souverän und unangefochten. Nach einem Besuch in dieser Ausstellung allerdings nicht mehr so selbstverständlich: Die zwei- oder mehrteiligen Fotografien von Barbara Probst zeigen verschiedene Kameras gleichzeitig am Werk und im Bild. Schon in einem ersten Diptychon fällt der Blick von zwei Mädchen je aus der unteren Ecke ins langgezogene Panorama einer Alpenlandschaft, bzw. zu uns in den Raum der Betrachtung. Während das rechte Bild Weide und Haus in sommerlichen Farben zeigt, erscheinen links Wald und Feld tief verschneit in Schwarzweiss. Es ist die identische Blickregie der beiden Mädchen bei einem strengen Wechsel zwischen en face und Profil, die uns auf einmal erahnen lassen, diese beiden Aufnahmen seien in derselben Situation und im gleichen Sekundenbruchteil entstanden. Gewissheit schafft schliesslich die Balkenwand einer Hütte, die hinter dem leicht eingerollten Rand einer Schwarzweisskopie im linken Bild sichtbar bleibt. Augenblicklich zeigen die beiden Aufnahmen zwei miteinander kontrastierende Aspekte einer Landschaft, in der die Figuren wie auf einer Studiobühne vor Kameras stehen. Der Traum der Fotografie vom objektiven Dokument, aber auch die euklidischen Vorstellungen eines einheitlichen Raumkontinuums werden zueinander ins Spiel gebracht und in der Wahrnehmung zugleich irritiert.
Die Einheit des Moments kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass beide Ansichten doch nur Fragmente einer umfassenderen Erfahrung der Situation bleiben. Die Lücken zwischen den Bildern sind bei Barbara Probst ebenso sprechend wie die sichtbaren Elemente. In den mehrteiligen Arbeiten potenziert sich die räumliche und zeitliche Komplexität dieser Mehrfachbezüge. Oft sind es nur feinste Einzelheiten, in denen sich die Illusion von einer naturgegebenen Landschaft ins Panoptikum einer medial vermittelten Multiwirklichkeit aufsplittert. Trotz ihrer Vielschichtigkeit sind auch die Perspektiven auf New Yorker Strassen oder Dachlandschaften keine trickreichen Bilderrätsel. Über Formatgrenzen hinweg beginnen Menschen miteinander zu spielen - und wie in einem virtuellen Spiegel im Kopf der Betrachtenden auch mit sich selbst. Barbara Probst überrascht mit Fotografien des Fotografierens, des Denkens, vor allem aber auch des Erlebens von Fotografie.

Bis: 05.02.2011



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Ausgabe 1/2  2011
Ausstellungen Barbara Probst [04.12.10-05.02.11]
Institutionen Monica De Cardenas [Zuoz/Schweiz]
Autor/in Hans Rudolf Reust
Künstler/in Barbara Probst
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