Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Hinweis
1/2.2011




Zürich : Displaced Fractures


von: Daniel Morgenthaler

  
links: Displaced Fractures · Über die Bruchlinien in Architekturen von Körpern, migros museum für gegenwartskunst Zürich. Foto: FBM-Studio
rechts: Displaced Fractures · Über die Bruchlinien in Architekturen von Körpern, migros museum für gegenwartskunst Zürich. Foto: FBM-Studio


Jetzt wäre es die einzige glatte Oberfläche hier. Und dann ist sie völlig am falschen Ort: Der Basler Kilian Rüthemann (*1979) hat für die Ausstellung «Displaced Fractures» im migros museum für gegenwartskunst kurzerhand einen Teil der Fensterfront mit sauber geglättetem Gips verputzt. Ganz egal, ob die Fenster vorher Luft oder Licht reingelassen haben; nun wurden sie mit einer gleichmachenden weissen Wand überschrieben. Die übrigen Künstler der von Heike Munder und Thomas D. Trummer von der Siemens Stiftung kuratierten Schau geben sich bewusst weniger Mühe bei der Endverarbeitung ihrer Werke: Die Britin Phyllida Barlow (*1944) etwa denkt bei ihren raumgreifenden Arbeiten nicht daran, die Oberfläche schön zu versiegeln. Vielmehr versucht sie bei fünf in Reih und Glied aus der Wand ragenden Bretterverschlägen mit Hilfe von Baumwollstoff und Farbe eine fast organisch wirkende Oberfläche zu erzeugen. Ulrich Rückriem (*1938) beruft sich zwar mit seinem sauber linear durchbrochenen Granitblock auf die Minimal Art, belässt aber die Oberfläche des Natursteins unbearbeitet rau. Weniger schön durchbrochen ist die Arbeit des Amerikaners Oscar Tuazon (*1978): Er liess vor Ort einen Betontisch giessen, um ihn dann gleich wieder zusammenbrechen und zur Neoruine werden zu lassen.
Selbst eine menschliche Figur - eine Arbeit des Deutschen Klaus Winichner (*1967) - hat hier nicht mehr die klassisch glatte Marmoroberfläche, sondern eine aus diversen Materialien zusammengekleisterte Orangenhaut. Die Plastik stellt ein Bindeglied dar zwischen der Brachialität und Brüchigkeit der in der Ausstellung verwendeten rohen Baumaterialien und einer fragilen Körperlichkeit, die darin - so die These der Kuratoren - stellvertretend Ausdruck findet. Ob dafür tonnenweise Beton oder Granit das richtige Mittel sind, oder ob es vielleicht doch mehr Sinn macht, den eigenen Körper aufs Spiel zu setzen, das fragt man sich bei einer ganz neuen Videoarbeit der Schwedin Klara Lidén (*1979): Sie klammert sich darin schwarz maskiert hoch oben an Säulen im urbanen Raum - eine Mischung aus Spiderwoman und zeitgenössischem Denkmal.
Ach ja, eine glatte Oberfläche neben Rüthemanns Fensterverputz gibt es im migros museum doch noch: Tacita Dean (*1965) hat für einen Film von 2004 die spiegelglatte Fassade des Berliner Palasts der Republik gefilmt. Aber der ist ja mittlerweile auch schon länger abgerissen.

Bis: 20.02.2011



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 1/2  2011
Ausstellungen Displaced Fractions [11.12.10-20.02.11]
Video Video
Institutionen Migros Museum für Gegenwartskunst [Zürich/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Ulrich Rückriem
Künstler/in Phyllida Barlow
Künstler/in Oscar Tuazon
Künstler/in Klara Liden
Künstler/in Oscar Tuazon
Künstler/in Tacita Dean
Künstler/in Kilian Rüthemann
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=110201104552PDN-38
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.