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Fokus
3.2011


 Das künstlerische Programm des Zeichners und Malers Marcel van Eeden lässt sich vielleicht so beschreiben: Der Niederlän­der begibt sich in seiner so konzeptionellen wie sinnlichen Arbeit auf die Suche nach einer Zeit ohne Zeit. Um dieses Para­doxon zu lösen, taucht er zeichnend in einen vorgefundenen Bilderkosmos ein, dessen Produktion zurückreicht in die Phase vor seiner Geburt, um den vermeintlich toten Bildern wieder Leben einzuhauchen. Mehr dazu jetzt in einem kurzen Aus­tausch mit dem Künstler anlässlich seiner in Berlin, St.Gallen und Darmstadt gezeigten Ausstellungen.


Marcel van Eeden - Zeitspiel


von: Raimar Stange

  
links: A Cutlet Vaudeville Show, 2010, Nerostift und Farbstift auf Bütten, je 19 x 28 cm‚ Serie von 24 Zeichnungen, Courtesy Galerie Zink, Berlin
rechts: The Occultist, 2011, Nerostift auf Bütten, Serie, je 19 x 28 cm, Courtesy Galerie Zink, Berlin


Stange: Immer wieder wird deine zeichnerische Arbeit mit der Ästhetik des film noir verglichen. Nervt dich dieser Vergleich inzwischen?

van Eeden: Ja, er hat mich immer ein bisschen genervt, weil ich dies eine zu einfache und oberflächliche Referenz finde. Ich glaube, in meiner Arbeit ist viel mehr drin als nur der Vergleich mit dieser nahe liegenden, historischen Ästhetik.

Stange: Klar, der Vergleich mit dem film noir bleibt an der Oberfläche. Ich bleibe trotzdem noch ein wenig beim Cineastischen: Hat es dich nie interessiert, so etwas wie einen Zeichentrickfilm zu machen?

van Eeden: Doch, ich hab letztes Jahr schon einige Filme gemacht und arbeite gerade an zwei neuen für das Schweizer Fernsehen. Auf meinem youtube-Kanal kannst du zwei frühe, sehr kurze Filme sehen. Filme interessieren mich, weil die etwas viel lebendiger machen als Zeichnungen oder Fotos. Mir geht es immer darum, alte Fotos durch das Nachzeichnen ihres Lichts zum Leben zu erwecken. Der Film kommt diesem Ziel natürlich noch näher.

Stange: «Alte Fotos», das sind bei dir Fotos, vor allem aus Katalogen und Zeitschriften, die vor 1965 gemacht wurden, also vor deiner Geburt. Wo liegt da die Faszination für dich? Ist sie vielleicht darin begründet, dass diese Bilder nichts mit deiner selbst erfahrenen Welt zu tun haben, also nicht mit Erinnerung belastet sind und dir eben deswegen jeden Freiraum für deine quasi «vitalisierende» Gestaltung lassen?

van Eeden: Nein, damit hat es nichts zu tun. Es gab für mich von Anfang an eine Faszination mit «Umkehrungen», die mich dann eine Art von «umgekehrter Zeit» hat untersuchen lassen. Später war es eine Faszination mit dem «Nicht-Sein», und der Möglichkeit, das «Nicht-Sein» sehen zu können, namentlich in Fotos von Momenten, in denen man selbst noch nicht am Leben war. Einen Moment sehen können, Licht sehen können, das auf eine Zeitstelle fällt, an der man noch nicht da ist oder schon gestorben ist - das hat mich sehr beschäftigt: Dies ist für mich «geladenes» Material und damit wollte ich arbeiten, am Anfang nur in Einzelzeichnungen - als nachgezeichnetes Moment von «Nicht-Sein» - später in Serien, die aus aneinandergereihten, willkürlichen, zufälligen Momenten bestehen. Und sogar in Filmen.

Der Skandal des Lebens

Stange: Darum auch der Begriff ‹Enzyklopädie meines Todes› für diese Form der (zeitkritischen) Arbeit? Ist da also auch der uralte Antrieb für Kunst, die eigene Endlichkeit zu überwinden?

van Eeden: Diese Formulierung habe ich einmal, eher versehentlich, gegenüber einem Kurator verwendet, der dann in einem Text über diese ‹Enzyklopädie meines Todes› geschrieben hat. Dieser Begriff begeistert mich nicht wirklich, aber es stimmt schon: Es geht in meinen Augen in jeder guten Kunst um den Tod, denn das ist unser grösstes Problem und der Skandal des Lebens.

Stange: Zur Vorbereitung auf diese Auseinandersetzung habe ich mir auch dein Büchlein ‹De Cornelia Maersk›, 2009, angeschaut. Darin zeichnest du die Geschichte der Bombardierung und des anschliessenden Untergangs des unter dänischer Flagge fahrenden Dampfschiffes ‹Cornelia Maersk› im Jahre 1942 nach, auch dies ist also eine Geschichte über den Tod. In der Tradition der sogenannten Fotoromane steht unter jeder Zeichnung ein Text. Kannst du bitte mehr dazu sagen, wie du mit Text umgehst. Handelt es sich um Zitate?

van Eeden: In meinen diversen Serien weisen die Texte unterschiedlichen Charakter auf. In der Serie ‹Celia›, 2004/06, sind es beispielsweise ziemlich willkürliche Zitate aus vier Romanen, wobei ich nicht auf die Verbindung Bild/Text geachtet habe. Texte brechen da sogar ganz unerwartet ab. In ‹Wiegand Leben und Werk›, 2005/06, stammen die Fotounterschriften aus Zeitschriften, wobei die Namen der Personen immer geändert wurden, so dass der Botaniker Wiegand die absolute Hauptrolle spielt. In ‹Witness for the Prosecution›, 2009, handelt es sich um einen langen Text aus einem billigen, unbekannten Detektivroman. In ‹Cornelia Maersk› schliesslich habe ich den Text selbst geschrieben, aber dabei historische Quellen benutzt. Ich habe mir das erlaubt, denn ich brauchte ja historische Daten, da sich das Ganze nun mal im Jahre 1942 abspielt.

Stange: So entstehen unterschiedlich ausgearbeitete Narrationen, deren Basis immer bereits vorhandene Bilder sind. Ein unmittelbarer Blick auf Realität findet also bei dir nicht statt, immer ist er medial gebrochen. Interessiert dich «Realität» überhaupt?

van Eeden: Nein, als Künstler interessiert mich Realität nicht. Als Mensch natürlich schon, ich lese Zeitungen und beschäftige mich mit weltpolitischen Fragen. Aber als Künstler schliesse ich die Welt absichtlich aus, so gut wie möglich. Ich bin eigentlich gegen die Welt. Kunst sollte ein Fluchtweg sein aus der harten, langweiligen, dummen, manchmal gewalttätigen Realität.

Stange: Birgt diese Haltung nicht, wie vielleicht auch deine «Retro-Ästhetik», so etwas wie Kitschgefahr?

van Eeden: Kitschgefahr ist immer da. Aber ich denke, dass ich das vermeiden kann. Nostalgiegefahr ist auch immer da. Nostalgie im Sinne von einer billigen Flucht in die Vergangenheit - was nicht so hip ist, denn hip ist natürlich neu, hip ist die Jugend, meine Fotos jedoch sind alt. Und alt ist nicht beliebt. Aber ich kann dies vermeiden, da bin ich überzeugt. Denn die Art und Weise, wie ich arbeite, ist für mich echt und notwendig. Zwar muss ich alte Fotos verwenden, und die haben den Charakter von «guter alter Zeit» - da kann ich aber nichts dafür.
Denn wenn man genauer hinschaut und die in meiner Arbeit angelegten Zusammenhänge mitbedenkt, dann sind da viel mehr als nur nostalgische Bilder zu entdecken. Dann entsteht eine neue Geschichte.

Stange: Wie jetzt bei der neuen Arbeit für deine Ausstellung in St. Gallen...

van Eeden: Dies wird eine sehr «dunkle» Arbeit sein. Sie bezieht sich auf eine kurze Zeitperiode rund um das Jahr 1925. Damals hat KM Wiegand in St. Gallen als Okkultist gearbeitet. Er experimentiert dort zusammen mit dem jungen Gebhard Frei an EVP, dem «Electronic Voice Phenomenon», und entwickelt dabei ein Tarotspiel. Zudem experimentiert er mit Ectoplasma. Die neue Serie besteht dann vor allem aus Bildern von St. Gallen. Das Haus, in dem er gewohnt hat, wird zu sehen sein, sein Arbeitszimmer, Seances, technische Daten von EVP-Recordern und natürlich Bilder von dem Ectoplasma und dem von KM Wiegand entwickelten Tarotspiel.

Raimar Stange (*1960, Hannover) ist Kritiker und Kurator in Berlin.


Bis: 19.02.2012


‹Schritte ins Reich der Kunst›, Kunstmuseum St.Gallen, Katalog, d/e, Verlag Walther König. Nachtschicht #3, mit Performance von Marcel van Eeden, 25.3., ab 19 Uhr
Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Haus am Waldsee, Berlin, und dem Institut Mathildenhöhe Darmstadt. Nächste Station: Mathildenhöhe, mit einer vor Ort realisierten Totalinstallation, 13.11.-19.2.2012


Marcel van Eeden (*1965), lebt in Zürich, Den Haag und Berlin
1989-93 Studium der Malerei an der Akademie der Bildenden Künste Den Haag

Ausstellungen (Auswahl)
2004 Marcel van Eeden, Museum Franz Gertsch, Burgdorf; Percy Miller Gallery, London
2005 ‹Real Time›, Kunstzentrum Bergen; Wetering Galerie, Amsterdam
2006 ‹Celia›, Kunstverein Hannover; ‹Berlin Biennale 4›, Berlin

(Gruppenausstellung)
2007 ‹The Archaeologist›, Kunsthalle Tübingen
2008 ‹Matheus' Dream›, Central Museum, Utrecht; ‹Sensationel›, Galerie Zink, Berlin
2009 ‹The Zürich Trial›, Kunsthalle Hamburg, Hamburg; ‹Leichtigkeit und Enthusiasmus›, Kunstmuseum Wolfsburg (Gruppenausstellung); Galerie Bob van Orsouw, Zürich
2010 Haus am Waldsee, Berlin; Bawag Contemporary, Wien; Kunstforum Baloise, Basel; Bob van Orsouw, Zürich



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Ausgabe 3  2011
Ausstellungen Marcel van Eeden [19.02.11-08.05.11]
Video Video
Institutionen Kunstmuseum St. Gallen [St. Gallen/Schweiz]
Institutionen Institut Mathildenhöhe [Darmstadt/Deutschland]
Institutionen Haus am Waldsee [Berlin/Deutschland]
Autor/in Raimar Stange
Künstler/in Marcel van Eeden
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