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Besprechung
3.2011


Iris Wien :  Die Karlsruher Kunsthalle präsentiert zwei neue Werkserien ‹Fahnenbild› und ‹Kammerstück A-Z› von Pia Fries in einer umfangreichen Ausstellung. Ausgangspunkt der neuen Arbeiten ist die Auseinandersetzung der Malerin mit ausgewählten Grafiken aus dem dortigen Kupferstichkabinett.


Karlsruhe : Pia Fries, ‹Krapprhizom Luisenkupfer›


  
Pia Fries · welle, 2010, Ölfarben und Siebdruck auf Papier, 76,5 x 92,5 cm. Foto: Hans Brändli ©ProLitteris


Die Ausstellung zeigt erstmals Pia Fries' langjährige Beschäftigung mit historischen Grafiken, die in den neuen Werkgruppen zu einer Verfeinerung und Präzisierung gefunden hat. Ihr Titel ist eine Reverenz an die Markgräfin Karoline Luise, die in Baden unternehmerisch tätig war und roten Farbstoff aus der Krapp-Pflanze herstellen liess. In der Gemäldefolge ‹Fahnenbild› hat Pia Fries ein einzelnes formales Element aus Hendrick Goltzius Kupferstich ‹Der Fahnenschwinger› von 1587 freigestellt, stark vergrössert und mittels Siebdruck mehrfach auf die weiss grundierten hölzernen Bildkörper übertragen. Goltzius' Stofflichkeit und Bewegung evozierende Lineamente werden zu einem abstrakten Gefüge, in dem allein der Arm des Fahnenträgers als Negativform mehr oder weniger erkennbar bleibt. Auf die so erzeugte grafische Struktur reagiert die Künstlerin mit dem von ihr in den letzten Jahrzehnten entwickelten malerischen Vokabular, dessen Farbigkeit im Vergleich zu früheren Arbeiten jedoch deutlich reduziert wurde. Der Dynamik der Linien antwortet die Dynamik der Farbverläufe. Entsprechungen, Wiederholungen und Umkehrungen führen zu Aspektwechseln, in denen sich der Bildgrund und figurative Residuen ineinander verkehren können.
Auch die konzentrierten und hochverdichteten Blätter der Serie ‹Kammerstück A-Z› lassen die projektiven Anteile des Wahrnehmungsprozesses bewusst werden. Allerdings spielt hier das Verbergen durch die vielschichtige Überlagerung verschiedener Druckverfahren und malerischer Interventionen eine grössere Rolle. In ihnen scheint die Künstlerin als Alchemistin zu operieren. Die Folge der 26 Blätter umrahmt als musikalischer Kontrapunkt die grafischen Werke, die Pia Fries aus dem Karlsruher Kupferstichkabinett ausgewählt und im Vorlegesaal zu einem «Chambre d'amis» zusammengestellt hat. Pia Fries' Aneignung historischer Positionen dient der Erkundung pikturaler Potentiale und setzt die Siebdruckreproduktionen von selbsthergestellten dreidimensionalen Farbkörpern fort, welche die Malerin Ende der Neunzigerjahre in ihre Arbeiten eingeführt hatte. Das dort begonnene Wechselspiel zwischen illusionistischen Versatzstücken und abstrakter Malerei erlangt so eine geschichtliche Dimension. Gerade die extreme Reduktion der grafischen Zitate, die ihre illusionäre Kraft paradoxerweise jedoch keineswegs einbüssen, zeigt, wie sehr unser Sehen von Darstellungskonventionen geleitet wird und historisch fundiert ist.

Bis: 27.03.2011


Katalog mit Texten von Pia Müller-Tamm, Oskar Bätschmann u.a. im Richter Verlag



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Ausgabe 3  2011
Ausstellungen Pia Fries [18.12.10-27.03.11]
Institutionen Staatliche Kunsthalle [Karlsruhe/Deutschland]
Autor/in Iris Wien
Künstler/in Pia Fries
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