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Besprechung
3.2011


Daniel Morgenthaler :  Bei Dämmerung ist vieles möglich: Der Österreicher Heimo Zobernig weiss das und lässt seinen Skulpturbegriff in der momentan exilierten Kunsthalle Zürich absichtlich im Halbdunkeln. Ob eine Pressspanskulptur eher Büchergestell oder Wolkenkratzer darstellt, ist kaum mehr ersichtlich.


Zürich : Heimo Zobernig, ‹Ohne Titel (In Red)›


  
Heimo Zobernig · Ausstellungsansicht Kunsthalle Zürich im Museum Bärengasse, 2011 ©ProLitteris. Foto: Stefan Altenburger


Für einmal werden hier nicht die Twin Towers nachgebaut. Im Museum Bärengasse, dem frühbarocken Wohnhaus, in dem die Kunsthalle Zürich während des Umbaus des Löwenbräu-Areals Exil findet, stehen vielmehr vier Türme. Dass man die Pressspansockel trotzdem als mögliche Architekturmodelle wahrnimmt, hat mit einem Kunstgriff Heimo Zobernigs (*1958) zu tun: Der Österreicher hat die Fensterläden des Museums verschlossen und sämtliche Räume in rotes Neonlicht getaucht.
Das macht es zwar schwieriger, die Arbeiten und ihre Materialität zu erfassen. Es macht den Betrachter aber auch viel freier: Man kann nun den schwarzen Quader, an dem Federn kleben, als Zeichen dafür lesen, dass Zobernig den Skulpturbegriff teeren und federn will. Man kann darin aber auch den Versuch sehen, der anorganisch-strengen Form eine organische Komponente zu verpassen. Bei den Quadruple Towers im Untergeschoss stehen, wenn man denn so will, noch weitere architektonische Miniaturen: Eine Kartonskulptur könnte als Entwurf für einen Wolkenkratzer à la Dubai durchgehen, und ein Pappgebilde von 1985 als Minivariante irgendeines Regierungssitzes. Die vermeintlichen Möbel, die in einem der Obergeschosse herumstehen, bleiben in diesem Zusammenhang auch nicht einfach Möbel: Die zusammengezimmerte Bar, die aus einem Partykeller stammen könnte, wird plötzlich zum Gebäude mit Dachterrasse. Und im Regal aus Pressspan liessen sich sowohl Bücher als auch, wie im Modell einer Garage, Miniautos parken. Selbst die Kachelöfen, fester Bestandteil des Museums, werden in diesem schummrigen Kontext zu wuchtigen Gebäudekomplexen.
Nun wäre es ja möglich, dass wenigstens die menschliche Figur dieses Proportionen-Durcheinander erden könnte. Doch entweder nervt diese, wie im Video eines Babys von 1995, das im Stakkatoschnitt schreit, oder sie ist zu beschäftigt, etwa im Kampf mit den Farben Rot, Blau und Grün, wie im Video ‹Nr. 24›, 2007. Einzig an Schaufensterpuppen erinnernde Standbilder könnten weiterhelfen, zumal sie von Strukturen umringt sind, die entfernt an die Proportionsstudien da Vincis oder Le Corbusiers erinnern. Andererseits werden die unheimlichen Figuren vielleicht auch wieder nur in unmenschliche garagenähnliche Rotunden eingebaut und von diesen gefangen gehalten. Oder aber die Kreise bedeuten, dass die generischen Körper gerade weggebeamt werden. Bei Rotlicht ist alles möglich.

Bis: 20.03.2011



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Ausgabe 3  2011
Ausstellungen Heimo Zobernig [15.01.11-20.03.11]
Institutionen Kunsthalle Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Heimo Zobernig
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