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Besprechung
3.2011


Isabel Friedli :  Es ist fünf vor zwei: Jedes Zifferblatt der von Bettina Pousttchi (*1971) im öffentlichen Raum fotografierten Uhren zeigt diese Angabe. Die Einheit von Raum und Zeit ist aber aufgebrochen, denn jede Uhr steht in einer anderen Stadt - Warschau, New York oder Schanghai - auf einem anderen Kontinent.


Basel : Bettina Pousttchi, ‹World Time Clock›


  
Bettina Pousttchi · Double Monuments for Flavin and Tatlin #9, 2010, 4 Absperrgitter, 3 Neon, 290 x 120 x 120 cm, Installationsansicht Kunsthalle Basel. Courtesy Galerie Buchmann, Berlin. Foto: Serge Hasenböhler


Das fortlaufende Projekt ‹World Time Clock›, ab 2008, spielt mit dieser schwindelerregenden, irrealen Gleichzeitigkeit. Viele der sehr konzeptuellen Arbeiten der deutsch-iranischen Künstlerin haben eine verstörende Wirkung, obschon Rasterstrukturen eine der prägenden Konstanten zumindest des skulpturalen und fotografischen Werks sind. Das Gitter verhilft der Wahrnehmung aber weder zu Orientierung noch zu Koordination. Horizontale und Vertikale sind im Raum verbogen und die lineare Abfolge der Zeit ist zerlegt.
So in ‹Blackout›, 2010, einer Skulpturengruppe aus Absperrgittern: Eine Schranke ist ein hoch aufgeladenes Symbol, eine semipermeable Grenze mit einem klar zugewiesenen Davor und Dahinter, die als direkte Verkörperung der Staatsgewalt universell lesbar ist. Unter Pousttchis Zugriff wird diese Bedeutung verzerrt, indem sie die Gitter knickt und ineinander verdreht. So wirken die Objekte in ‹Blackout› nicht mehr wie Barrikaden gegen den Ansturm der Menge, sondern wie Träger einer auf sie einwirkenden emotionalen Entladung. Das Gestänge aus schwarzem Stahl ringt mit sich selber, aber auf eine so kunstvolle Weise, dass die Ästhetik der Erscheinung sich vor das spürbar aggressive Potenzial schiebt. Ganz anders wirken dieselben Gitter im ersten Raum der Ausstellung: In Spiralen schraubt sich die weisse Gitterstruktur um Leuchtstoffröhren in die Höhe und umspielt in einer graziösen Arabeske das, worauf der Titel abzielt: ‹Double Monuments for Flavin and Tatlin›, 2010.
Den Boden unter den Füssen verliert der Betrachter bei der Videoprojektion ‹Double Empire›, 2009, die ein Gefühl des freien Falls entlang des Empire State Buildings vermittelt. Oben und unten sind dabei verkehrt, die rasante Fahrt der Kamera schiesst ungebremst über die Spitze des Turms hinaus und kollidiert mit der Erwartung des Betrachters. Der Aussenraum und die Architektur bilden auch den Schwerpunkt der fotografischen Serie ‹Sculpture Project Echo›, 2010, worin Pousttchi ihre 2009 vorgenommene Einkleidung der Temporären Kunsthalle Berlin in eine Hülle digital bearbeiteter Aufnahmen des abgerissenen Palasts der Republik dokumentiert. Zeit und Raum überkreuzen sich auch hier, die Erinnerungen an das bauliche Relikt der DDR finden keinen Halt in dem Umfeld einer Stadt, die Geschichte radikal neu schreibt und dabei ideologisch belastete Monumente niederzuwälzen vermag.

Bis: 13.03.2011



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Ausgabe 3  2011
Ausstellungen Bettina Pousttchi [16.01.11-13.03.11]
Institutionen Kunsthalle Basel [Basel/Schweiz]
Autor/in Isabel Friedli
Künstler/in Bettina Pousttchi
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