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Hinweis
3.2011




Freiburg/B : Georg Herold und Paul Graham


von: Yvonne Ziegler

  
links: Georg Herold · Floating Lab, 2011, Dachlatten, Zwirn, Draht, 7 x 13 m, Installationsansicht Kunstverein Freiburg ©ProLitteris Foto: Marc Doradzillo
rechts: Paul Graham · Interview Cubicles, Hackney DHSS, East London, Aus der Serie Beyond Caring, 1985, Fuji crystal archive print, 88 x 106 cm. Courtesy Anthony Reynolds Gallery, London und carlier/gebauer, Berlin


Bekanntlich residiert der Freiburger Kunstverein in einer ehemaligen Badeanstalt, deren Räume nicht leicht zu bespielen sind. Von der Grosszügigkeit und Struktur des Schwimmbeckens angetan, entschied Georg Herold (*1947), ein schwebendes Labyrinth zu bauen. Das akkurate Gebilde aus rohen Dachlatten, das nun an unzähligen Zwirnfäden von der Decke hängt, nimmt man zunächst als Strich wahr. Beim Näherkommen sind Entscheidungen gefragt: Umrunden oder betreten, geradeaus, rechts oder links? Obwohl das ‹Floating Lab› - köstlicher Wortwitz: schwebendes Labyrinth oder schwimmendes Laboratorium? - nur bestimmte Wege zulässt, wirkt es offen, leicht und luftig, denn man kann frei über die nur 1,10 Meter hohe Barriere schauen. So entwickelt sich ein spannendes Spiel zwischen antizipiertem und tatsächlichem Gehen, zwischen Selbstbeobachtung und Blick auf andere Besucher, die sich von zwei weiteren Zugängen einen Weg ins Zentrum ertasten. Ungeduldige, Quergeher und Wagemutige können übrigens auch unten durch krabbeln. An den Wänden klebt Luxus! Herold hat neue Kaviarbilder gemalt, gestisch-abstrakt Kaviar, Lack und Acryl auf kleine Leinwände verteilt. Sie hängen knapp über der Horizontlinie, konfrontieren das akkurate mathematische Gebilde aus Billigmaterial mit lapidar aufgetragenem Überfluss.
‹Floating Lab› ist offener als das kretische, römische oder christliche Labyrinth. Es hat Sackgassen und Schleifen, die nicht ins Zentrum führen. Das ist von der Galerie gut einsehbar, von wo es als Zeichnung erscheint, die man im Kopf ewig durchwandern kann.
Auch Minotauros' düsterer Welt begegnen wir hier oben auf der Galerie, wo Fotografien von Paul Graham (*1958) das beklemmende Gefühl von Angst und Ohnmacht angesichts von Machtapparaten, Verwaltungsinstitutionen und kafkaesken Architekturen aktualisieren. Mit versteckter Kamera fotografierte Graham in den Achtzigerjahren verzweifelte, herumirrende und wartende Menschen in britischen Sozial- und Arbeitsämtern. Die farbigen Dokumentarfotografien sind unscharf, wenig komponiert, nicht objektiv - die subjektive Situation des heimlich Fotografierenden wird spürbar. Diese Bilder geben dem Labyrinth seine existenzielle Tiefe. Wechselseitig steigern sich die beiden Einzelausstellungen, ihre Vielschichtigkeit wird dichter und körperlich erfahrbar. Denn mit den Fotografien im Kopf erlebt man das Labyrinth und den Blick auf die Kaviarbilder neu.

Bis: 20.03.2011



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Ausgabe 3  2011
Ausstellungen Paul Graham, Georg Herold [21.01.11-20.03.11]
Institutionen Kunstverein Freiburg [Freiburg/B/Deutschland]
Autor/in Yvonne Ziegler
Künstler/in Georg Herold
Künstler/in Paul Graham
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