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Besprechung
4.2011


Birgit Fritsch Baur :  Die israelisch-schweizerische Fotografin Leshem stellt im Rapperswiler Kunst(Zeug)Haus die Werkserie ‹Sleepers› aus. In 32 grossformatigen Porträts zeigt sie Jugendliche im Tiefschlaf. Der Kontrast zwischen den stark ausgeleuchteten Aufnahmen und dem Motiv des Schlafs vermag unweigerlich zu fesseln.


Rapperswil-Jona : Naomi Leshem, ‹Sleepers›


  
links: Naomi Leshem · Ofir, Israel, 2009, Farbfotografie, 92 x 92 cm
rechts: Naomi Leshem · Kristina, Germany, 2009, Farbfotografie, 92 x 92 cm


Naomi Leshem (*1963), die 2009 in Israel mit dem renommierten ‹Constantiner Photography Award› ausgezeichnet wurde, greift in der Porträtserie ‹Sleepers› das in der Literatur und bildenden Kunst seit jeher wichtige Motiv des Schlafs auf. Während sich Sigmund Freud für das Traumleben im Schlaf interessierte, setzte Michelangelo in einigen Werken auf die Plastizität schlafender Körper. In ähnlicher Weise möchte Leshem die Jugendlichen aus verschiedenen Ländern in Natürlichkeit und physischer Auslieferung darstellen. Sie fotografiert mit einer analogen Hasselblad, woraus sich auch ihr quadratisches Format erklärt. Bei ‹Sleepers› wird das Quadrat durch die Körperlandschaften der Schlafenden horizontal durchschnitten, wie es bereits in der Serie ‹Runways› der Fall war. Die Künstlerin griff nicht in die Auswahl der Modelle ein, sondern fotografierte alle Interessierten zwischen 16 und 20 Jahren, die sich bei ihr meldeten. Anschliessend besuchte sie die Jugendlichen bei ihren Eltern, baute ihre Ausrüstung auf und arrangierte die Komposition. Erst nach über einer Stunde betrat sie den Raum wieder und fotografierte die nun Schlafenden in diversen Stellungen. Um ein Aufwachen zu verhindern, liess sie den Blitz über Silberfolien reflektieren.
Die Kamera ist so nahe herangerückt, dass nur Kopf und Oberkörper im Bild sind, was den Aufnahmen eine voyeuristische Komponente verleiht. Unweigerlich ist die eigene Neugierde geweckt und Fragen zu den Protagonistinnen und Protagonisten, ihren Gedanken, Gefühlen und Träumen drängen sich auf. Die auf den ersten Blick stark reduziert wirkenden Fotografien locken mit den Geheimnissen, die es in ihnen zu entdecken gibt. Man begibt sich auf Spurensuche, stellt erstaunt fest, wie sich Textur und Farbe der Bettwäsche und der begrenzte Blick ins Schlafzimmer mit der unvermittelten Sinnlichkeit und Verletzbarkeit der jungen Schlafenden zu einem komplexen Ganzen von verwirrender Anziehungskraft verweben.
Das Innerste der Jugendlichen bleibt stets verborgen. Sie schweben in Tiefschlaf zwischen Traum und Wirklichkeit, während ihre schweren Körper sich in unterschiedlichsten Stellungen in den Laken abzeichnen. Der israelische Fotograf und Kunstwissenschaftler Ruven Kuperman spricht folgerichtig in der zur Ausstellung erschienenen Begleitpublikation von einer Choreografie des Schlafs. Das alltägliche, universelle und dennoch individuelle Erlebnis des Schlafes verbindet die Sleepers mit den Betrachtern.

Bis: 03.04.2011



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Ausgabe 4  2011
Ausstellungen IG Halle im Kunstzeughaus: Naomi Leshem [30.01.11-03.04.11]
Institutionen IG Halle im Kunst(Zeug)Haus [Rapperswil-Jona/Schweiz]
Institutionen Kunst(Zeug)Haus [Rapperswil-Jona/Schweiz]
Autor/in Birgit Fritsch Baur
Künstler/in Naomi Leshem
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