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Editorial
4.2011





  
TITELBILD · Beni Bischof · Meta Fashion Look, 2011, 70x93 cm, Digitalprint


Jahr für Jahr rückt Fumetto, das internationale Comic-Festival in Luzern, die Zeichnung in den Fokus. Dass Stift und Papier elementare künstlerische Ausdrucksmittel sind, hat in den vergangenen Monaten die Ausstellung ‹Linea› im Kunsthaus Zug mit Werken und Dokumentationsmaterial von der Antike bis in die Gegenwart eindrücklich belegt. Der Begleitkatalog zu ‹Linea› lädt auch nach Ablauf der Schau zu einer erhellenden kunstgeschichtlichen Zeitreise von Plinius bis in die Gegenwart ein.
Seit jeher bürgt Zeichnung für Authentizität. Doch während in der Renaissance der Künstler im ‹disegno› eine übergeordnete geistige Ordnung zu fassen suchte, steht seit der Popularisierung der Grafologie Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem der handschriftliche Charakter der Zeichnung - stellvertretend für eine individualistische Weltanschauung - im Vordergrund.
Doch erstaunlich, gerade jüngere Kunstschaffende stellen diesen Aspekt oft in Frage. Patricia Bucher beispielsweise zeichnete in mehrjähriger Arbeit zahlreiche Schlachtenszenen nach und transformierte diese mit technischen Mitteln so, dass der handwerkliche Prozess kaum mehr erkennbar ist. Als ‹Frau ohne Eigenschaften›, eine Rolle, die sie auch beim Abschreiben des gigantischen Werks von Robert Musil ‹Der Mann ohne Eigenschaften› durchexerziert, nimmt sie eine Gegenposition zum am Fumetto gastierenden Beni Bischof ein. Bei ihm ist die Handschrift zentral, und zur Not, wenn ihm gerade ein Bleistift fehlt, reicht als gestalterisches Mittel auch der eigene durchs Papier gesteckte Finger. Bischofs selbstbewusste Behauptung einer individuellen Sprache und Buchers totale Zurücknahme der eigenen Person sind als Haltungen ebenso radikal unterschiedlich wie in sich stimmig - und liefern entsprechende Denkanstösse. Claudia Jolles



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Ausgabe 4  2011
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