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Fokus
4.2011


 Ein Rundbild mit Schlachtendarstellungen aus verschiedensten Epochen der Menschheitsgeschichte durchzieht den Raum. Die in Berlin lebende Schweizer Künstlerin Patricia Bucher zeigt in ihrer aktuellen Ausstellung anlässlich der Verleihung des Manor Kunstpreises eine überraschende und irritierende neue Arbeit, in der sich indes etliche Bezüge zu ihrem bisherigen Werk entdecken lassen.


Patricia Bucher - Das sogenannt Schöpferische in Frage stellen


von: Isabel Fluri

  
links: Schlachtenpanorama, 2007-2010 (Ausschnitte)
rechts: Blutsauger, Freibeuter, Falschmünzer, 2009, Ausstellungsansicht Simultanhalle. Foto: Kathrin Ahlt


Collage, Sampling, Kopie, Zitat und Verweis sind die - im Zuge verschiedener Tendenzen der Kunst bereits etablierten - Verfahren, derer sich Patricia Bucher, die Trägerin des Manor Kunstpreises Zentralschweiz 2011, immer wieder bedient. Kann auch die Furcht vor mangelnder Kreativität und ausbleibenden Einfällen Antrieb und Beweggrund sein für ein künstlerisches Œuvre? Oder ist es nicht grad in einer Zeit der Fixierung auf Novität und Invention das einzig Richtige, einen künstlerischen Realismus in diesem Sinne zu pflegen: Die Aufmerksamkeit auf das Gegebene, das Schon-Gemachte zu richten, es mit einer Art imaginärer Sammelwut zu bündeln, zu kondensieren und so neu zu formieren?

Exerzitium
Robert Musils paradigmatisches und unvollendetes Mammutwerk der literarischen Moderne, ein zeitgeschichtliches Panoptikum der untergehenden Donaumonarchie, bildet das «Rohmaterial» für Patricia Buchers bis heute unvollendet gebliebenes Work in progress mit dem Titel ‹Der Mann ohne Eigenschaften›, 1999-2006, - eine sehr weit fortgeschrittene, aber nicht abgeschlossene handschriftliche Kopie des gleichnamigen gigantischen Romankonvoluts. Die Künstlerin reproduziert in ihrer fortlaufenden Abschrift nicht zuletzt auch die Editionsgeschichte des Werks, hatten doch die Herausgeber aus der mit vielen Querverweisen und Anmerkungen versehenen Hinterlassenschaft Musils relativ willkürlich eine lineare Erzählung konstruiert. Der ‹Mann ohne Eigenschaften› wird kopiert von einer Künstlerin «mit Eigenschaften», nämlich mit einer spezifischen Handschrift, die ihre Autorschaft ausweist. Gleichzeitig wird mit dem offenkundig enormen Aufwand, der die Abschreibarbeit darstellt und Patricia Buchers Werk als veritables Exerzitium erscheinen lässt, die rein physische Leistung thematisiert, die das Schaffen eines Kunstwerks erfordert.
In ihrer aktuellen Ausstellung im Kunstmuseum Luzern zeigt Patricia Bucher ein grosses, frei hängendes Rundbild. Das ‹Schlachtenpanorama› betitelte Werk präsentiert unzählige Kriegsszenerien, die zum Teil unschwer als aus verschiedenen Zeiten und Kulturen stammende Situationen zu erkennen sind. Es ist ein spektakulärer «Bilderbogen», dessen zyklische Form es verunmöglicht, von irgendeiner Position aus alles auf einmal zu sehen. Es ist dem Betrachter überlassen, wo er seine endlose, detailreiche Seh-Reise beginnt.

Enzyklopädisches
Sowohl das Format des Rundbildes als auch die Darstellung selbst, die Schlachtenszene, sind traditionell heroische und propagandistisch motivierte, monumentale Bildmuster. Diesen Vorgaben jedoch widersetzt sich die Künstlerin, indem sie etwa von besonders extremen Darstellungen von kriegerischen Greueltaten, wie man sie etwa von den Gemälden eines Hieronymus Bosch kennt, meist absieht. Die Emphase des übergrossen Formats und der Malerei wiederum vermeidet sie dadurch, dass sie für den Betrachter eine Bühne konstruiert, von der aus er den Szenen in Augenhöhe gegenübertreten kann. Gleichzeitig setzt sie ihre zeichnerischen, gescannten und digital kolorierten Vorarbeiten in einem Thermo-Transfer-Druckverfahren gleichsam gefiltert ins Bild. So erinnert Patricia Buchers Panorama nicht nur an das historische Genre des Schlachtenbildes und speziell an das berühmte, sich nur unweit des Luzerner Kunstmuseums befindliche ‹Bourbaki-Panorama›, sondern ebenso an irgendwelche Comicstrips.
Was man sich in Wirklichkeit als immens schrecklich vorstellen muss, das Gemetzel in der Schlacht, wirkt in der durch verschiedene Prozesse erfolgten Überführung ins Rundbild vergleichsweise harmlos. Schon die historischen Darstellungen, die Patricia Bucher über Reproduktionen im Internet zeichnerisch adaptiert hat, sind vielfach idealisiert. Als inszenierte Bilder wirken sie abstrahiert und entsprechend fiktiv. Dafür sensibilisiert uns die Künstlerin, indem sie Bildvorlagen verschiedenster Provenienz zusammenführt: Nebst klassischen Darstellungen wie eine Szene der Schlacht bei der Milvischen Brücke oder die Bilder des Heeres von Willhelm dem Eroberer aus dem sogenannten Teppich von Bayeux lassen sich Motive aus dem Bereich der Computerspiele und Spielzeugfiguren erkennen.
Der Zyklus zeigt ein scheinbar unendliches Kämpfen auf allen Bildebenen. Durch die unterschiedliche Farbgebung bilden sich zwar verschiedene Stimmungsräume heraus, die sich voneinander abheben. Bei näherer Betrachtung jedoch entpuppen sich diese Bereiche als motivisch nicht homogene Szenen, die eine Berührung verschiedener Zeiten und Orte und demnach die Vorstellung von Universalität suggerieren: Aus Höhlenmalerei-Abbildungen entnommene Figuren mischen sich unter sturmgewehrbewaffnete Krieger des 20. Jahrhunderts, nackte Kämpfer traben an kämpfenden Revolutionären des 18. Jahrhunderts vorbei.
So führt dieses Rundbild nicht nur den Kampf von jedem gegen jeden vor Augen, sondern es zeigt darüber hinaus die ungeheure Bedeutung des Krieges in der Menschheitsgeschichte, sowie die Darstellungsformen und die Tradierung des Krieges durch Bilder verschiedenster Art - letzteres ein medien- und bildkritischer Aspekt, der sich auch im weiteren Schaffen Patricia Buchers als sehr zentral erweist.

Bewährungsprobe
Die Arbeit an einem Werk wird für Patricia Bucher zur eigentlichen Probe nicht bloss dahingehend, dass sie ihre Projekte häufig gross und - gerade auch was den zu erwartenden zeitlichen Aufwand angeht - ambitiös anlegt. Die Künstlerin, die sich nicht als Meisterin eines bestimmten Mediums sieht, steht immer wieder vor der Herausforderung, sich neue Kunst(handwerks)techniken aneignen zu müssen, sozusagen ‹learning by doing› zu betreiben. Jede Arbeit wird so zu einem Lernprozess, während dem sich das ursprünglich vorgenommene Werk sowohl inhaltlich wie formal noch erheblich verändern kann.
Dieser Ansatz, verbunden mit dem Anspruch, sich technisch wie auch zeitlich zu bewähren, gesellt sich zu den Vorbehalten gegenüber der Entwicklung eines spezifischen künstlerischen Stils; mehr als auf die stilistische Erkennbarkeit insistiert Patricia Bucher auf einer bestimmten Haltung, die sich in all ihren Arbeiten ausdrücken soll. Das zeigt sich in «enzyklopädischen» und in gewissem Sinn monumentalen Werken wie ‹Der Mann ohne Eigenschaften›, für den sie während gut sechs Jahren bisweilen täglich zwei Stunden geschrieben hat, oder in dem eben nach über dreijähriger Arbeit fertiggestellten ‹Schlachtenpanorama›, wie auch in der Videoarbeit ‹Übersee› aus dem Jahre 2003, für die sie mit einer Kamera während einer 29-tägigen Schiffsreise von Hamburg nach Südamerika und zurück jeweils ein Bild pro Sekunde aufgenommen hat. Letzteres Werk kann als geradezu exemplarisch für das Schaffen der Künstlerin gelten: Von der paradox wirkenden Idee motiviert, ein sich räumlich ständig änderndes, aber visuell praktisch indifferentes geografisches Gebiet bildlich zu erkunden, offenbart die Arbeit ein absurdes, tragisch-komisches Moment.
Isabel Fluri lebt in Basel, ist Kunstwissenschaftlerin und arbeitet als Kuratorin bei Hilfiker Kunstprojekte in Luzern.

Bis: 01.05.2011


‹Patricia Bucher. Schlachtenpanorama› Ausstellungskatalog, snoeck-Verlag. Zusätzlich erscheint ein Booklet mit einem Text von Marcel Rene Marburger

Patricia Bucher (*1976, Aarau) lebt in Berlin
1995-1996 Gestalterischer Vorkurs Aarau
1997-2001 Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich (HGKZ)
Studienbereich Bildende Kunst (SBK)

Einzelausstellungen (Auswahl)
2006 Gast Auswahl 06, Aargauer Kunsthaus, Aarau
2008 Hans-Trudel-Haus, Baden
2009 Simultanhalle, Köln

Gruppenausstellungen (Auswahl seit 2008)
2008 ‹Do You Have Expectations?›, Wartesaal, Zürich
2009 Stipendium Vordemberge-Gildewart, Aargauer Kunsthaus, Aarau; ‹Bildende Kunst und Sprache›,
Entlebucher Kunstverein, Heiligkreuz; ‹Scherenschnitte - Kontur Pur›, Museum Bellerive, Zürich
2010 ‹Da Hood2›, Künstlerhaus Speckstrasse, Hamburger Gängeviertel; ‹weessen›, Galerie im
Regierungsviertel/The Forgotten Bar Project, Berlin
2011 ‹Ankäufe der Stadt Zürich›, Helmhaus Zürich



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Ausgabe 4  2011
Ausstellungen Patricia Bucher [26.02.11-01.05.11]
Institutionen Kunstmuseum Luzern [Luzern/Schweiz]
Autor/in Isabel Fluri
Künstler/in Patricia Bucher
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