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Fokus
4.2011


 Den Finger immer voll von hinten durch die Nase: Der St. Galler Beni Bischof ist gar nicht zimperlich, wenn es ums Kunstmachen geht. Ob Modefotografie oder die Mona Lisa, nichts ist sicher vor dem - manchmal euphorischen, manchmal aggressiven - Zugriff des 34-Jährigen, der mit dem ‹Laser Magazin› auch ein Underground-Zine herausgibt. Im Rahmen des Comics-Festivals Fumetto geht er nun für eine Ausstellung buchstäblich in den Untergrund - in einen Service-Tunnel unter dem Hauptbahnhof Luzern.


Beni Bischof - «Meine Arbeiten sind auch meine Freunde»


von: Daniel Morgenthaler

  
links: Ohne Titel, Einkratzung auf Magazincover, 22 x 30 cm, 2011
rechts: Mord Fustang, 50 x 60 cm, Filzstift auf MDF, 2010


Morgenthaler: Beni, seit meinem Besuch in deinem Atelier haben meine Schuhe einen dekorativen gelben Farbfleck. Das Chaos, das du oft in deinen Installationen anrichtest, ist also eigentlich eine Fortsetzung deines Studios?

Bischof: Man muss schon vorsichtig sein hier im Atelier. Für meine neueren Arbeiten brauche ich aber auch sehr viel Ölfarbe: Es sind Bilder, für die ich die Farbe ungemischt und zentimeterdick auf die Leinwand auftrage. Manchmal erkennt man bei genauerem Hinsehen ein Gesicht darin. Ich mag das, diese Kombination aus plumpem Material, das aber in seinen Wülsten plötzlich sehr differenzierte Schattierungen, Reflexionen und Faltungen ergibt. Eine Art Ordnung, die aus dem Chaos entsteht.

Morgenthaler: Ich nehme an, du arbeitest schnell?

Bischof: Bei den Ölbildern muss es sehr schnell gehen, weil sonst die Farbe antrocknet und sich an der Oberfläche ein Film bildet. Am liebsten ist es mir, wenn ich kurz vor der Mittagspause noch schnell ein Bild malen kann. Wenn ich um 12 abgemacht habe, nehme ich um halb 12 eine Leinwand in die Hand und fange an. Man muss allerdings auch sehen: Schnell wirkende Arbeiten brauchen manchmal erstaunlich lang.

Morgenthaler: In die Kunst Halle Sankt Gallen hast du letztes Jahr für deine Einzelausstellung eine Höhle voller solcher Farbwülste, wie sie nun auf den Leinwänden kleben, hineingestellt - man konnte quasi in die Farbvielfalt hineinlaufen.

Bischof: Das war eine der Gipsskulpturen, die ich für die Ausstellung erstmals gemacht habe. Die Idee dafür verdanke ich einem Zufall: Ich habe einmal spontan Farbe über ein Gipsgebilde geleert und das dann weiterentwickelt. Es sind oft solche Affekthandlungen, die mich weiterbringen. Schnelle Gesten.

Morgenthaler: Du zeichnest auch ganze Notizbücher voll. Sind das jeweils Skizzen für grössere Projekte?
Zeichnen ohne Stift

Bischof: Nein, ich skizziere nie! Von all den verschiedenen Medien, die ich verwende, ist Zeichnen dasjenige, das ich schon am längsten und intensivsten verfolge. Es ist toll: Man braucht nur einen Stift und Papier. Obwohl ich gut zeichnen kann, suche ich dabei auch
bewusst den Fehler, das Unperfekte, den Zufall. Man schaut dann am nächsten Tag die Zeichnung an und denkt: Wie ist jetzt das wieder gekommen? Das kann einem oft den Tag retten. Manchmal ist es aber gerade auch gut, wenn man keinen Stift dabei hat: Auf einem Flug wollte ich einmal in ein Modemagazin zeichnen, hatte aber nichts zum Schreiben dabei. Dann habe ich einfach den Finger durch ein Modelgesicht gesteckt und das fotografiert. Seither mache ich das immer wieder mit verschiedenen Fotos.

Morgenthaler: Dein Atelier sieht ohnehin fast aus wie das Wartezimmer eines Arztes, so viele Zeitschriften liegen hier herum.
Bischof: Ich bin in einem Frauenhaushalt aufgewachsen, mit meiner Mutter und meinen Schwestern, da gab es immer solche Hefte. Heute brauche ich sie für Collagen, Übermalungen und andere Arbeiten.

Morgenthaler: Du gibst mit dem ‹Laser Magazin› auch selbst ein Heft heraus.

Drucken mit dem Laserprinter
Bischof: Das ist für mich ganz ähnlich, wie wenn ich eine Ausstellung mache. Mir gefällt das Medium sehr, das Organisieren des Materials in einem Gesamtablauf, das Arrangieren auf den Doppelseiten. Ausserdem erreiche ich damit relativ viele Leute. Es heisst ‹Laser Magazin›, weil ich es auf meinem billigen Laserprinter ausdrucke oder es kopiere. Nicht sehr originell, ich gebe es zu.

Morgenthaler: Ach so, ich hatte dabei eher an Weltraumkriege oder Ähnliches gedacht. Du hast ja auch eine Grafiker- und keine Kunstausbildung absolviert?

Bischof: Ja, aber das interessiert doch keine Sau. Ich habe das Gefühl, dass mich diese Ausbildung fast besser aufs Künstlersein vorbereitet hat. Eine Gärtner- oder Industriedesigner-Ausbildung kann ebenso gute Künstler hervorbringen. Es geht ja eigentlich um den Drang, sich mitzuteilen oder persönliche Interessen zu offenbaren.

Morgenthaler: Hat dich dieser Drang dazu gebracht, künstlerisch tätig zu werden?

Bischof: Klar. Ich liebe es, im Atelier zu sitzen und an irgendetwas herumzubasteln. Ich kann fast jeden Morgen machen, was ich will und bin mein eigener Chef. Ich kann mich mitteilen. Ich kann mit Materialien spielen oder mit Inhalten. Humor, Aggression, Wut, Zynismus, Ironie, Absurdes, Geschichten - das alles interessiert mich! Ich will mein eigenes Kunst-Universum, mit eigenen Regeln und Möglichkeiten erschaffen. Ich bearbeite alles, was um mich herumliegt. Theoretisch ist jeder Gegenstand eine potenzielle Arbeit. Das ist permanenter Stress und macht zappelig.

Morgenthaler: Dann geht es bei einer Zeichnung wie dem ‹Mord Fustang›, bei der ein Auto gerade einen Menschen überfährt, vielleicht auch nicht nur um Wortwitz, sondern um Kritik, um Ausdruck deiner Wut?

Bischof:
Nein, nein, nein! Der ‹Mord Fustang› ist einfach dumm und absoluter Zufall. Das ist eines der Werke, die vielleicht nicht wirklich Sinn machen - aber Spass. Absurde Konstellationen interessieren mich. Der Betrachter macht ja eigentlich dann die Geschichte daraus. Wäre es Kritik, wäre es eine schlechte Arbeit.

Morgenthaler: Beim Fumetto findest Du Dich auch in einer etwas absurden Konstellation wieder, einer absurden Ausstellungskonstellation diesmal...

Bischof: Das stimmt. Ich stelle in einem stillgelegten Service-Tunnel unter dem Bahnhof Luzern aus - ein sehr schwieriger Ort. Aber ich mag solche Herausforderungen. Der Tunnel bestimmt die Ausstellung und ich muss mir etwas einfallen lassen. Vielleicht den Tunnel als solchen thematisieren.
Das ist für mich ohnehin immer eine sehr spannende Frage: Wie stelle ich meine Arbeiten am besten aus, oder wie kann ich sie anders ausstellen? Ich habe auch schon überlegt, eine Ausstellung für ein Auto zu konzipieren, mit dem ich dann an verschiedenen Autobahnraststätten Halt machen könnte, etwa um Ölbilder zu zeigen: um 11 Uhr beim Fressbalken, um 12 Uhr ein Autobahnrestaurant weiter; oder die kleinste Kunsthalle der Welt in meinen Kofferraum zu bauen.

Morgenthaler: Ans Fumetto wurden vor dir schon David Shrigley oder Olaf Breuning eingeladen, zwei Künstler, denen das Zeichnen ebenfalls sehr wichtig ist. Inspirieren dich solche Positionen?

Bischof: Nein. Ich orientiere mich eher an Künstlern wie Dieter Roth oder Martin Kippenberger. An diesen beiden interessiert mich zum Beispiel ihr Umgang mit verschiedenen Materialen, ihr Umgang mit Humor und Ironie auch. Ich mag ihr Gesamtwerk -
und ihre Zitate.

Morgenthaler: Dann nimmst du den Kontext des Comic-Festivals auch nicht zum Anlass, dich nur auf dein zeichnerisches Werk zu konzentrieren, sondern erschaffst wieder ein ähnliches Medienchaos wie in der Kunst Halle St. Gallen - oder eben in deinem Atelier?

Bischof: Es wird wohl wieder darauf hinauslaufen. Ich werde sicher verschiedene Medien intergrieren. Skulptur, Malerei, Fotos, Zeichnung, wobei das zeichnerische Werk gleich gewichtet ist wie andere Arbeiten. Aber vor allem ist es auch eine spontane Ausstellung: Vieles passiert vor Ort, in den letzten Tagen. Der Arbeitsprozess und die -spuren werden sichtbar bleiben. Die ganze Ausstellung ist ein Art Szene, vielleicht aus einem Film, und wird einen sehr verspielten Ausdruck haben - ich will ja schliesslich Spass haben! Meine Arbeiten sind auch meine Freunde, darum nehme ich immer so viele davon zu meinen Ausstellungen mit.
Daniel Morgenthaler ist freischaffender Kunstjournalist in Zürich.

Bis: 17.04.2011


Fumetto - Internationales Comix-Festival Luzern. Die Ausstellung von Beni Bischof findet in einem Service-Tunnel unter dem Hauptbahnhof Luzern statt. Zur Ausstellung erscheint ein Zine bei Nieves.

Beni Bischof (*1976) lebt in St. Gallen
Studium an der Zürcher Hochschule der Künste und der Schule für Gestaltung, St. Gallen

Einzelausstellungen (Auswahl)
2009 Muro Gallery, Genf
2010 Galerie SommerKohl, Berlin; Milieu Galerie, Bern; ‹Dumm schauen und Kekse fressen›, Kunst
Halle Sankt Gallen
2011 The Institute of Social Hypocrisy, Paris

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2009 ‹Queerscapes›, Cabaret Voltaire, Perla-Mode, Zürich
2010 CAPC musée d'art contemporain de Bordeaux; ‹Next Generation›, Kunstmuseum St. Gallen;
‹Wallpower›, Galerie Claudia Groeflin, Zürich; ‹Antifoto›, Kunstraum Düsseldorf
2010/11 ‹Wir Manager›, Vögele Kulturzentrum, Pfäffikon



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Ausgabe 4  2011
Ausstellungen Fumetto [09.04.11-17.04.11]
Institutionen Fumetto [Luzern/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Beni Bischof
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