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Fokus
4.2011


 In den letzten Jahren hat sich nicht nur die allgemeine Wahrnehmung des öffentlichen Raums verändert, sondern auch die Strukturen, in denen Kunst im Stadtraum in Erscheinung tritt. Neben den üblichen ‹Kunst im öffentlichen Raum-Projekten› haben sich Street und Urban Art einen festen Platz im Stadtgefüge erobert.


Street Art - But my mother is ambivalent


von: Stefan Wagner
von: Rémi Jaccard

  
links: Sticker und Plakate an der Löwenstrasse Zürich, Juni 2010. Foto: Rémi Jaccard.
rechts: War das etwa ein Banksy? Klingenpark Zürich, Juni 2008, entfernt. Foto: Rémi Jaccard


Zurzeit scheint die Diskussion über Kunst im Stadtraum wieder an Intensität zugenommen zu haben. Dies mag der Neuentdeckung des Urbanen in der Schweiz geschuldet sein, aber sicherlich auch populären Filmen wie ‹Exit Through the Gift Shop›, 2010, des englischen Street Art Künstlers Banksy. Es tut einfach gut, in ihm eine Projektionsfläche zu haben, die (scheinbar) das ganze Kunstestablishment an der eigenen Nase herumführt. Sein Werdegang illustriert die Erfolgsgeschichte von Street Art. Dank des ironischen Untertons und der allgemeinen Verständlichkeit seiner Werke, kombiniert mit einem hohen technischen Anspruch, gilt der englische Künstler heute bei Sammlern und einem breiten Publikum als Star. Mit spektakulären Aktionen und exzellenter medialer Inszenierung bei gleichzeitig sorgsam gewahrter Anonymität weiss er sich zudem als authentische Position zu verkaufen.

Medialisierung
Banksys Erfolg ist damit verknüpft, dass er als normaler Bürger wahrgenommen wird und dadurch ein Gegenbild zum Experten entwirft. Er ist nicht der sachverständige Vertreter der Hochkultur, der sich damit schwer tut, das uneinsichtige Volk vom Glück der Kunst zu überzeugen. Vielmehr erweckt er den Eindruck des charmanten Draufgängers, der nicht erklärt, sondern handelt. Geradezu idealtypisch verkörpert Banksy das romantische Bild des Künstlergenies, das allen äusseren Widerständen zum Trotz seine Werke hervorbringt - und dabei erst noch für alle leicht verständliche Arbeiten schafft. Dass die Verbreitung von Street Art Arbeiten sehr oft über Filme auf Youtube, Blogs oder über andere Kanäle geschieht, liegt in der Dynamik der Sache. Gerade weil die Werke oftmals flüchtig sind, schon am nächsten Tag entfernt werden, ist eine Dokumentation auf dem Internet die beste und schnellste Möglichkeit für eine weltweit erreichbare Konservierung. Wer im Internet sucht, wird zum Thema einige Treffer landen.

Demokratisierung der Kunst?

Die selbst initiierten, nicht institutionellen Kunstprojekte, wie sie für Street Art typisch sind, thematisieren im besten Fall soziale, architektonische und ökonomische Schichtungen einer Stadt. Aber manchmal sind sie einfach nur urban-ornamentale Verschönerungen. Da sie ohne institutionelle Auftraggeber auskommen, kann man sich nun fragen, ob das die seit den Siebzigerjahren ersehnte Demokratisierung der Kunst, die Abkehr vom hermetischen Diskurs unter Kennern ist? Jeder kann nun Kunst machen? Was die Konsumierbarkeit der Werke betrifft, kann man durchaus behaupten: Street Art baut oft auf eine simple Pointe, die visuell ansprechend vermittelt wird. Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, bemerkt Stickers (Aufkleber), Stencils (Schablonensprayarbeiten) oder Graffiti. Diesen Formen ist oftmals gemein, dass sie auf Serialität und Ortspezifität aufbauen und dadurch Aufmerksamkeit erregen. Aber es gibt auch weniger augenfällige Projekte.
Am Kehrichtheizkraftwerk Josefstrasse realisierte der Zürcher Künstler Navid Tschopp in Eigenregie und ohne vorab eingeholte Bewilligung die Magnet-Arbeit ‹Topologische Agenda›, 2010, die er nach ihrer Fertigstellung offiziell der Stadt Zürich vertraglich vermachte. Er deckte mit einem Augenzwinkern die Mechanismen von heutiger Kunst im Aussenraum auf, die, wenn sie nicht illegal operieren will, wie jedes andere Gesuch im Stadtraum auch, die jeweiligen Behördeninstanzen zu durchlaufen hat. Tschopps Arbeit mag auf den ersten Blick den ästhetischen Formensprachen von Stickers oder gesprayten Formen nicht folgen. Die Arbeit illustriert aber sehr gut, wie das rechtliche Verhältnis von illegal auf legal wechselt und dadurch gescheit Gestaltungsnormen des Stadtraums hinterfragt. Das subversive Potential bei Street Art liegt deshalb weniger in der offensichtlichen Rebellion und Zerstörung, sondern in der kreativen Erosion des behördlichen Gestaltungswillens sowie der Aneignung städtischen Raums. Welche Formen und Ansätze kritischen Umgangs mit Stadtentwicklung zusammenfallen können, zeigte 2008 der durch das Stadtlabor Zürich durchgeführte Wettbewerb ‹Design Your City›. Eingereicht wurden Graffitis, Interventionen, Sticker-Arbeiten und andere Formen der Inbesitznahme des urbanen Raums.

Ambivalenzen
Die heutige Street Art ist aus der Suche nach neuen gestalterischen und visuellen Ingredienzien entstanden. Die Meinungen über ihren gesellschaftlichen Stellenwert gehen jedoch weit auseinander. Diverse Publikationen wie ‹The Art of Revolution› oder ‹Street Renegades› prägen dabei das Bild einer Bewegung, welche das Proletariat von Angst und Konsum befreit und beschwören den Geist der 68er.
Derselbe Hintergrund wird aber auch von der Gegenseite in Anschlag gebracht. 2006 kommentierte ein anonymes Kollektiv die New Yorker Street Art Szene mit debordscher Rhetorik: «Street art gives the green light to investors, becomes that repug­-
nant drug of tourism, and speeds the process of gentrification. By making the ghetto ‹beautiful›, the street artist neatly wipes her hands of any responsibility to examine underlaying social or economic oppressions at play and instead revels in her own mystified vanguardism.»1

Im Dienste der Grosskonzerne und städtischer Identität
Grosskonzerne, vornehmlich aus der Bekleidungsbranche, haben bereits in den Neunzigerjahren das Potenzial von Streetcredibility entdeckt. Die Verwendung subkultureller Zeichen gilt bis heute als Erfolg versprechende Strategie beim Marken-Branding - und gewährt umgekehrt den Produzenten eine Gelegenheit, vom üblicherweise verpuffenden kreativen Potenzial finanziell zu profitieren. Die Ironie liegt darin, dass jene Kräfte, die gemeinhin keine Störung der Kaufidylle in den Innenstädten dulden, gerade diesen Streetcredibility-Effekt zur Verkaufssteigerung nutzen. Aber auch städtische Initiativen haben den Wert erkannt und setzen sich in Gesprächsreihen mit nicht institutioneller Kunst auseinander - so kürzlich die AG KiöR in Zürich. Es scheint fast so, als ob die Anbringungen und Entfernung von Street Art als Teil der Konstruktion von urbaner Identität anerkannt würde.

Neologismen und positive Subversion
Street Art kann als eine Vielzahl individueller Antworten auf die (ungestellte) Frage verstanden werden, wie eine bestimmte Nische zu nutzen ist, sei es die Leerstelle im Stadtkörper, die Thematisierung von Quartieraufwertungen oder die Überwachung des öffentlichen Raums. Wie komplex und ausschweifend der Diskurs ist, zeichnet sich an den zahlreichen Neologismen ab: (Post-)Graffiti, Street Art, Guerilla Art, Urban Art, Urban Illustration oder Stylewriting und New Vandalism. Nuancen aussen vor, sind die Begriffe deckungsgleich; allen gemeinsam ist das gestalterische Interesse am öffentlichen Raum. Mit Street Art findet eine Verschiebung vom massiven Sockel zu flüchtigen Spuren statt. Insofern wird wohl die Zahl an Interventionen - nennen wir sie nun Street oder Urban Art - weiter zunehmen und dem aufmerksamen Publikum neue Perspektiven auf die Stadt eröffnen. Stefan Wagner ist Kunsthistoriker, Kurator und Betreiber des Corner College Zürich.
Rémi Jaccard ist Kunstwissenschaftler. 2010 untersuchte er Formen nicht kommissionierter Kunst in Zürich.


1 www.rebelart.net/diary/the-splasher-die-revolution-frisst-ihre-kinder/00279/ - S. 8f


Christian Hundertmark (C100): The Art of Rebellion – World of Streetart, Corte Madera 2006
Francesca Gavin: Street Renegades – New Underground Art, London 2007



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Ausgabe 4  2011
Autor/in Stefan Wagner
Autor/in Rémi Jaccard
Link http://www.stadtlabor.ch/design-your-city-streetart-wettbewerb
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