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Artists in Residence
4.2011


 Die Interessengemeinschaft ‹artists in residence ch› ist auch ein Netzwerk ausländischer und Schweizer Gastkunstschaffender und fördert den nationalen und internationalen Kulturaustausch. Neben einem Informationspool im Internet mit aktuellen Daten bietet das Netzwerk eine Plattform für Anbieter von Austausch- und Gästeateliers sowie interessierten Partnern. Gegenwärtig arbeitet die junge indische Fotografin Uzma Mohsin im Gästeatelier Krone, Aarau.


Uzma Mohsin - Über den Mut indischer Frauen


  
Uzma Mohsin im Gästeatelier Krone, Aarau. Foto: Cat Tuong Nguyen


von Burg: In Ihren Fotoserien entwerfen Sie Bilder von jungen, selbstbewussten Frauen, seien es nach Delhi immigrierte Arbeitssuchende und Studentinnen, seien es Boxerinnen. Ist es diesen Frauen möglich, sich in ihrem neuen Umfeld aus rigiden Traditionen zu befreien?

Uzma Mohsin: Die meisten der von mir porträtierten Frauen stammen aus ganz unterschiedlichen Verhältnissen und wissen erstaunliche Geschichten zu erzählen. Sie bemühen sich, aus dem traditionellen Korsett auszubrechen. So beispielsweise die Boxerinnen, die oft aus armen Familien stammen, die sie nur in der Hoffnung auf gute Verdienstmöglichkeiten wegziehen lassen.
Andere, meist nach Delhi immigrierte Frauen, stellte ich in der Serie ‹Seven Sisters and the City› vor. Mit ‹Seven Sisters› sind die sieben nordöstlichen Unionsstaaten gemeint, die für die nationale Regierung Indiens eine enorm wichtige strategische Pufferzone zum benachbarten China bilden. Ihr Ruf nach Autonomie wird seit der Unabhängigkeit im Jahr 1947 von der Zentralregierung in New Delhi mit brachialer Gewalt und permanenter Armeepräsenz beantwortet. Zunehmend verlassen die jungen Leute dieses Gebiet und ziehen in die Megacities. Besonders junge Frauen sind den verschiedensten Diskriminierungen ausgesetzt, zumal sie als Christinnen ausserhalb des Kastensystems stehen und nicht früh zwangsverheiratet werden. Meist sprechen sie vergleichsweise gut englisch, arbeiten in qualifizierten Jobs, oft im Dienstleistungssektor, und können ihre Familien unterstützen. Aufgrund ihres untypisch indischen Aussehens sind sie oft sexueller Gewalt ausgesetzt. Diese wird damit begründet, dass ihr westlicher Kleidungsstil suggeriere, dass sie für Inder leicht zu haben sind. Jedenfalls zahlen diese aussergewöhnlichen Frauen für ihre Freiheit einen hohen Preis.

von Burg: Letztes Jahr haben Sie zusammen mit Martine Franck von der Fotoagentur Magnum am Buchprojekt ‹Women Changing India› gearbeitet, das von BNP Paribas and Zubaan Publication herausgegeben wurde. Die Bank ist an mehreren Mikrokredit-Projekten von Frauen-Selbsthilfe-Gruppen in Indien beteiligt. Die eindringlichen Fotografien von Raghu Rai, Olivia Arthur, Martine Franck, Alessandra Sanguenetti (u. a.) porträtieren Frauen in ihrem Lebensumfeld. Sie zeigen sie als Motor des Wandels in den Dörfern, in ihren Berufen, in Kunst und im Kino. Die Arbeiten erhellen das komplexe Gleichgewicht der Kräfte, das indische Frauen seit jeher gekonnt auszugleichen wissen. Inwiefern denken Sie, dass Frauen Trägerinnen von Veränderungen in Indien sind?

Uzma Mohsin: In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich Indien rasend schnell verändert, besonders hinsichtlich der ökonomischen Liberalisierung. Die Frauen haben dabei einen enormen Beitrag geleistet, was oft gar nicht registriert wird. Trotz der zahlreichen Versprechungen hinsichtlich einer progressiven Verfassung mit gleichen Rechten ist die Realität mit einer alles durchdringenden traditionellen Denkweise und einer scharfen Trennung zwischen ländlicher und urbaner Bevölkerung sehr komplex.
Doch ungeachtet der schwierigen Umstände kämpfen die Frauen für den sozialen, politischen und wirtschaftlichen Wandel. Dazu hat in den letzten Jahren die Entstehung von Selbsthilfegruppen und die Möglichkeit von Mikrokrediten einiges beigetragen, wenn auch der Zugang zu Finanzmitteln für zahllose selbständige Frauen nach wie vor ein grosses Problem ist. Viele haben weder die erforderliche Erfahrung noch das Selbstbewusstsein, Kredite von Finanzinstituten zu beantragen. Auch wenn die Frauen ihre Rolle mit aller Kraft zu verändern suchen, vollzieht sich ein tiefgreifender Wandel in Bezug auf Konflikte, häusliche Gewalt, rigide soziale Strukturen und Diskriminierungen nur schleppend. Dennoch sind heute viel mehr Frauen in pädagogischen Institutionen, in professionellen und auch in nicht-traditionellen Bereichen tätig als noch vor einigen Jahren. Zudem gibt es eine neue Generation von Frauen, die zunehmend nach ihren eigenen Vorstellungen zu leben versuchen.

von Burg: Besteht nicht die Gefahr, dass die Dominanz der rechtskonservativen hindunationalistischen BJP (Bharatiya Janata Party) die wenigen Errungenschaften der Frauen zurücknimmt?

Moshin: Die BJP sieht sich als Hüterin der indischen Kultur und verfolgt auf sehr aggressive Weise einen patriarchalen Traditionalismus. In den Neunzigerjahren ging die neoliberale Umstrukturierung der indischen Wirtschaft mit einem raschen Anstieg einer rechtsgerichteten Politik einher. Mittlerweile ist die BJP zur stärksten indischen Partei angewachsen. Diese sieht Frauen fest im häuslichen Bereich verankert und hat kein Gehör für deren Modernisierungswünsche. Trotzdem sind einzelne Frauengruppen im Verbund mit säkularen Bewegungen am Kampf für die Gleichstellung der Geschlechter beteiligt, so dass sich Indien heute in den Anfängen einer ernsthaften Debatte der Genderpolitik und auf dem Weg zu einer sozialen Rechtsreform befindet.

von Burg: Können Sie mir noch etwas zu Ihren Arbeitsbedingungen hier und in Indien sagen? Worin besteht der Unterschied und was fällt Ihnen in der Schweiz auf?

Moshin: Meine Arbeit in Indien ist sehr durch die mich umgebende Realität geprägt. Zu einem grossen Teil versuche ich das Leben der Menschen in meinem Land zu dokumentieren und zu verstehen, indem ich Geschichten erzähle. Mein Aufenthalt in der Schweiz ist sehr inspirierend. Ich sehe viele neue und verschiedene Dinge. Aufgrund der guten Lage Aaraus sind die grossen Städte bequem erreichbar. Im Unterschied zu Delhi, woher ich komme, ist Aarau ein ruhiger Ort. Dies gefällt mir sehr, denn fern von der Hektik des Grossstadtlebens hat man hier Raum zur Reflektion und Innenschau.

von Burg: Planen Sie in nächster Zeit eine Ausstellung, ein open house oder sonst eine öffentliche Veranstaltung?

Moshin: Ich weiss nicht genau, worauf meine letzte Arbeit hinausläuft. Vielleicht werde ich aus dieser persönlichen Reise eine Fotoserie machen. Jedenfalls hoffe ich auf eine Veranstaltung/Show gegen Ende meines Aufenthaltes.

Bis: 30.06.2011


Gästeatelier Krone, Aarau. Ausstellung im Forum Schlossplatz Aarau im Juni.

Dieser Beitrag erscheint mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, Schwerpunkt Schweizer Übersetzungsförderung ‹Moving Words›.

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Ausgabe 4  2011
Institutionen Forum Schlossplatz [Aarau/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Uzma Mohsin
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