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Besprechung
4.2011


 Schon 1981 installierte Jürgen Drescher mit seiner ‹DRESCHER Bar› die erste funktionstüchtige Bar als Skulptur im deutschen Kunstbetrieb, weitere Bars in Zusammenarbeit mit Reinhard Mucha folgten. Später ist es ruhig geworden um den Künstler, nun aber überrascht er mit neuen Arbeiten.


Berlin/Düsseldorf : Jürgen Drescher


  
links: Jürgen Drescher · Ring auf Paletten, 2010, Aluminium-Sandguss, Holz, 21 x 340 x 340 cm, Ring 5,3 x 187 cm
rechts: Jürgen Drescher · Der Boden unter Benn´s Boden, 2008/2010, Linoleum, Pappe, 464 x 393 cm


«Es ist zu erkennen, dass wir als Spezies und mit der uns eigenen genetischen Ausstattung, nicht in der Lage sind» steht da auf der Papierarbeit ‹Spezies II/biologischer Akteur›, 2010, zu lesen. Die wissenschaftliche Sequenz bricht mitten im Satz ab, die Worte «die ökologischen Systeme, die uns schliesslich hervorgebracht haben, zu erhalten» verschweigt uns Jürgen Drescher auf dieser zweiteiligen Arbeit, die als Multiple bei Helga Maria Klosterfelde Editionen derzeit zu sehen ist. Aber auch so wird seine überaus kulturpessimistische Haltung deutlich. Immer wieder nämlich behauptet er in seinem Werk den Menschen als eine vor allem durch seine «natürlichen» Bedürfnisse gesteuerte Art, und weniger als eine Spezies, die durch Reflexion und Moral ihr humanes Fortbestehen garantiert.
Auch die Skulpturen des Künstlers thematisieren diese Haltung, die gerade angesichts unseres verantwortungslosen Umgehens mit der Klimakatastrophe nicht vorschnell als bloss biologistisch abgetan werden kann. Da ist also in seiner ersten Einzelausstellung in der Galerie Klosterfelde die Bodenarbeit ‹Ring auf Paletten›, 2010, zu sehen: Vier handelsübliche Holzpaletten befinden sich im Raum, auf ihnen liegt ein abgegossener Aluminiumring. Readymade und Artefakt ergänzen sich so zu einem skulpturalen Ensemble, das formal irgendwo zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion sowie zwischen Leere und Präsenz eine Spannung aufbaut. Gleichzeitig aber ist ‹Ring auf Paletten› mit diversen narrativen Momenten aufgeladen, denn die Arbeit erzählt ebenso von Transport und Mobilität wie von Konsum und dem ewigen Kreislauf von Produktion und Verbrauch. Diese Strategie, eine minimalistische Formensprache fiktional anzureichern, ist typisch für die derzeitige Kunstproduktion Dreschers.
Dass auch das kulturelle Leben letztlich biologistisch bestimmt sein kann, thematisiert dann im Nebenraum die Arbeit ‹Der Boden unter Benn's Boden›, 2008/2010. In einer Kreuzberger Apotheke fand der Künstler direkt unter der ehemaligen Wohnung von Gottfried Benn einen Bodenbelag aus Linoleum, den er abgetragen und in den Galerieraum verlegt hat. Einerseits stellt die lapidare Arbeit Fragen nach (historischer) Authentizität und Fetisch, andererseits will Drescher mit seinem Verweis auf Benn an die Korrumpierbarkeit von Kultur erinnern, hat Benn doch bekanntlich, um sein Leben zu retten, mit den Nationalsozialisten kooperiert.

Bis: 17.04.2011



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Ausgabe 4  2011
Ausstellungen Jürgen Drescher [26.02.11-16.04.11]
Institutionen Helga Maria Klosterfelde [Berlin/Deutschland]
Institutionen Kai 10/Arthena Foudation [Düsseldorf/Deutschland]
Künstler/in Jürgen Drescher
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