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Besprechung
4.2011


Gisela Kuoni :  Evelina Cajacob zeichnet. Linien, Flächen und Schraffuren in betörender Vielfältigkeit. Auch in den ganz neuen Arbeiten in ihrer Einzelausstellung in der Galerie Luciano Fasciati in Chur ist die Künstlerin Bleistift und Farbstift treu geblieben. Das Resultat verblüfft.


Chur : Evelina Cajacob, ‹ZwischenZeit›


  
links: Zeichnung in silbergrau, Farbstift auf Papier, 70 x 100 cm. Foto: Ralph Feiner
rechts: ZwischenZeit 2011, Ausstellungsansicht Galerie Luciano Fasciati Chur. Foto: Ralph Feiner


Der Ausstellungstitel ‹ZwischenZeit› thematisiert ganz bewusst eine Zeit der Leere, des Wartens, des Ausgelöschtseins. Scheinbar leere Räume werden durch die sie umgebende Fülle feinster Striche und Bewegungen sichtbar gemacht. Zusammen sind Leere und Fülle ein ausgewogenes Ganzes, eines durch das andere bedingt. Dieses Gefühl der Leere teilt sich vehement beim Betreten der Galerie mit. Die Frontwand, auf die der erste Blick fällt, trägt nicht eine einzige Arbeit. Umso stärker wirkt die eng bestückte, gegenüberliegende Wandfläche. Mit dieser Hängung, die so selbst zur Installation wird, will Cajacob bewusst das Thema von Sein und Schein, von Positiv und Negativ, eben von Fülle und Leere unterstreichen.
Eis- und Schneekristalle liegen im weitesten Sinn den Arbeiten zugrunde. Fotografiert, am Computer reduziert, vergrössert, festgehalten - das sind die «Vorlagen» zu den titellosen Bildern. Die Zeit des Wegschmelzens und Verschwindens macht die Künstlerin durch die Gestaltung der Zwischenräume zum Bild. Cajacob bezieht sich dabei bewusst auf eine Zeit des persönlichen Wartens, die sie in den intensiv und dicht gestrichelten Flächen bildlich umsetzt. Nicht Pflanzen und nicht Eiskristalle wollen hier abgebildet sein. Diese Zeichnungen sind mehr als ein virtuoses Einsetzen des Bleistifts, sie sind nicht um des Zeichnens willen entstanden. Ihnen haftet eine Dimension des Durchhaltens, des Ringens, fast der Bezauberung bis zur Besessenheit an.
Evelina Cajacob verwendet ausschliesslich matte Farbstifte, auf jedem Blatt einen einzigen Farbton. In einem feinen Silberton, in Blau, hellem Braun, zarten Grautönen und in einer Fülle winziger Striche entstehen gewebeartige Flächen, zarte Durchbrüche, filigrane Netze oder dichte Faltungen bis zur Dreidimensionalität. Mitunter zeigen sich in den intensiv gestrichelten Flächen helle, fast durchlässige Flecken, entstanden durch eine nachträgliche Bearbeitung. Das eigentliche «Bild» ist aber immer die ausgesparte leere Fläche. Der Bildträger ist stets weisses Papier, die Formate sind mittelgross, von 70 x 100 cm bis zu 150 x 100 cm. Rahmenlos und ungeschützt sind die Arbeiten eng aneinandergereiht. Eine mehrteilige, wandfüllende Gruppe im Kabinett, ‹Filling›, nimmt bekannte Linienschwingungen auf. Der gewaltige Arbeitsaufwand spiegelt sich nicht einfach in dekorativen Zeichnungen - das intensive Ringen der Künstlerin um eine schöpferische Aussage ist deutlich zu spüren und beeindruckt.

Bis: 09.04.2011



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Ausgabe 4  2011
Ausstellungen Evelina Cajacob [12.03.11-09.04.11]
Institutionen Luciano Fasciati [Chur/Schweiz]
Autor/in Gisela Kuoni
Künstler/in Evelina Cajacob
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