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Besprechung
4.2011


Ursula Badrutt Schoch :  Der Videokünstler und Performer Norbert Möslang hat für die Lokremise St. Gallen eine multimediale Installation geschaffen, die mit gefundenen Bildern ihre eigene Einmaligkeit feiert. Das Individuum ist darin mit der Welt verknüpft, jedes Spartendenken erübrigt sich.


St. Gallen : Norbert Möslang, ‹bits, bots, mpgs and ppms›


  
links: Norbert Möslang · bot ppm, 2010, und get pic3, 2011
rechts: Norbert Möslang · studio west, 2011


John Armleder hatte die Lokremise vor dem Winter eingeleuchtet, Norbert Möslang (*1951) versenkt sie nun in lichtdichte Dunkelheit. Dass der gelernt Geigenbauer und Musiker, der zusammen mit Andy Guhl als Voice Crack 2001 die Schweiz an der Biennale in Venedig vertreten hat, mit Ton arbeitet, überrascht nicht. Eher schon ist es die Vertrautheit der Geräusche, die irritiert. Es sind Stadtgeräusche, ungeknackt, fehlerlos wiedergegeben in Echtzeit, Schritte, Sprachfetzen, Automotoren, die aufbrausen. Merkwürdig ist zudem, dass sie aus dem hermetisch verschlossenen Innenraum kommen und gleichzeitig suggerieren, dass wir im Aussenraum stehen. Es sind die auf der Strasse gefundenen Geräusche zwischen Atelier und Ausstellungsraum. Der St. Galler Künstler gibt ein Heimspiel und baut sich selber ein, transportiert Biographisches mit. So referiert er auch auf sein Engagement im Programmkino in den Achtzigerjahren, das unterdessen in der Lokremise Einzug gehalten hat. Alle laufenden Filme überträgt er mit gängigen Webcams ins Entree der Ausstellung. Im Gegenzug bereichert er mit eigens erarbeiteten Kurzfilmen die Vorführungen. Auch das St. Galler Atelier ist präsent. Eine fragmentierte, digital gestörte, vielfach vergrösserte Ansicht der Westwand trifft auf ein Mikrofilmbild der Ostwand. Das gerade mal 35 m2 grosse Atelier wächst auf 750 m2 an. Hier, in den Weiten der Halle trifft die Tonspur zusammen mit der Besucherin, dem Besucher auf Bilder aus dem World Wide Web. In übergrossen Formaten, nicht selten bis zur Unkenntlichkeit verpixelt und losgelöst aus ordnenden Zusammenhängen kommt es zu endlosen surrealen Bild-Ton-Treffen.
Während Jahren hat Norbert Möslang gemeinsam mit dem Programmierer Markus Steiner am Vorhaben herumgetüftelt und eine Software entwickelt, die sich von Link zu Link Wege durch den Datendschungel sucht. In immer neuen Kombinationen holen die verschiedenen Computer von irgendwoher Bilder in den Dunkelraum. Wir suchen nach Zusammenhängen, kombinieren, verlieren uns in einer Sinnsuche, bis der Schriftzug «Ignore» für Erlösung sorgt und die Aufmerksamkeit auf die Schönheit der Anordnungen lenkt. Ästhetische Entscheide und technische Perfektion bieten den gemeinsamen Rahmen für inhaltliche Anliegen: ‹bits, bots, mpgs and ppms› schärft die Aufmerksamkeit gegenüber Veränderungsprozesse in unserem Umgang mit Bildern und schenkt neue Lust am digitalen Schauen.

Bis: 01.05.2011



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Ausgabe 4  2011
Ausstellungen Norbert Möslang [05.03.11-01.05.11]
Video Video
Institutionen Kunstmuseum St. Gallen – Lokremise [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Ursula Badrutt Schoch
Künstler/in Norbert Möslang
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