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Besprechung
4.2011


Daniel Morgenthaler :  ‹Artist's Artist› hiess die grosse Retrospektive zu Paul Thek, die 2008 durch Europa tourte. Ein solcher war der Amerikaner wahrhaftig: Er hat zahlreiche Künstler - von Hirst bis Rondinone - stark beinflusst, ohne zeitlebens grosse Beachtung zu finden. Bei Mai 36 ist nun sein Spätwerk zu sehen.


Zürich : Paul Thek, Peter Hujar


  
links: Paul Thek · Kugelschreiberzeichung
rechts: Peter Hujar · Thek 254 East 3rd Street Studio, 1967/2010, Pigment-Tintenstrahldruck, 32 x 47 cm


Paul Thek brachte das Fleisch an den Knochen des Minimalismus: In seinen berühmten ‹Meat Pieces› platzierte er aus Wachs reproduzierte menschliche Fleischklumpen in Plexiglaskuben à la Donald Judd und gab so den kalten Minimalisten etwas fleischliche Wärme zurück. Thek brachte aber auch sonst Unruhe in den Ausstellungsraum: Seine ausufernden Installationen fanden in den Unordnungen von Thomas Hirschhorn oder Jason Rhoades eine Fortsetzung. Und gegen Lebensende - er starb 1988 mit 54 Jahren an den Folgen von Aids - brachte er sogar noch die Vedutenmalerei in die Kunst der Achtzigerjahre, wie die Ausstellung ‹Paul Thek - city­scapes and other ideas› in der Galerie Mai 36 zeigt.
Das hatte allerdings auch mit seiner Krankheit zu tun: Weil Thek geschwächt und an sein New Yorker Studio gebunden war, malte und zeichnete er, was er vom Atelierfenster aus sah. Das hat etwas beinahe Expressionistisches, wenn Thek ab 1985 die Farben der Stadt in verschiedenen Kleinformaten auf Leinwand oder Papier künstlich und künstlerisch überhöht; und es hat etwas Impressionistisches, wenn es gerade schneit, wie in einer Acrylarbeit von 1975. Dass es Thek aber trotz Krankheit nicht dabei bewenden liess, die verschiedenen Segmente eines Panoramablicks aus seinem Arbeitsraum nach und nach abzuarbeiten, zeigen verschiedene Skizzen bei Mai 36: Der Amerikaner griff etwa mit dem Entwurf eines riesenhaften Eis in die Debatte um Kunst im öffentlichen Raum ein. In einer Zeichnung macht er sogar einen Vorschlag zur Umnutzung eines der meistdiskutierten öffentlichen Kunstwerke dieser Zeit: Richard Serras ‹Tilted Arc›. Bei Thek wird sie zu einer ‹Tilted Ark›, einer ‹geneigten Arche›, die er mit diversen Tieren belebt.
Weniger belebt sind die vor Kurzem erst wiederentdeckten Fotografien von Peter Hujar, die Thek bei der Arbeit an einem seiner berühmtesten Werke, dem ‹Tomb› zeigen: Zentraler Bestandteil der Installation, die unter anderem auch an der documenta 5, 1972 gezeigt wurde, ist eine Wachsversion von Theks eigenem Körper, aufgebahrt wie eine Leiche kurz vor dem Begräbnis. Bei aller Selbstbezogenheit und -überhöhung à la Madame Tussauds: Die Arbeit - die im Original nicht erhalten ist - zeugt doch auch wieder von Theks Humor. Der eigene Körper ist schliesslich auch nichts anderes als ein etwas grösseres ‹Meat Piece›.

Bis: 09.04.2011



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Ausgabe 4  2011
Ausstellungen Peter Hujar, Paul Thek [26.02.11-09.04.11]
Institutionen Mai 36 Galerie [Zürich/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Paul Thek
Künstler/in Peter Hujar
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