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Besprechung
4.2011


Andrina Jörg : Yves Netzhammer : Urs Fischer :  Die Ausstellung mit dem ironischen Titel ‹Voici un dessin suisse› liefert, wie zu erwarten, keine präzise Antwort auf die brennende Frage, was eine Schweizer Zeichnung denn sein könnte, gibt aber Einblick in die überraschende Entwicklung des hiesigen zeichnerischen Schaffens der letzten zwanzig Jahre.


Aarau : ‹Voici un dessin suisse›


  
links: Josse Bailly · Ohne Titel (aus der Serie Elias Hulk), 2007-2009, Filz- und Farbstift auf Papier, 29,7 x 21 cm
rechts: Marta Riniker-Radich · Ohne Titel, 2009, Bleistift auf Farbstift auf Papier, 21 x 29,7 cm


Die beiden Kuratorinnen Julie Enkell (Musée Jenisch, Vevey) und Madeleine Schuppli versammeln in der vielseitigen Schau rund 40 Kunstschaffende, welche die Zeichnung als Ausdrucksform bevorzugen. Die Ausstellungsmacherinnen orten die aktuellen Tendenzen und verfolgen die Verschiebungen der letzten zwei Dekaden. Doch ebenso kompliziert wie sich die Einteilung nach nationalen, künstlerischen Identitäten gestaltet, so durchlässig und ausufernd ist auch der Begriff der Zeichnung an sich geworden. Er wird auf eine skizzenhafte, prozessorientierte, abstrahierende und lineare Ausdrucksart bezogen und manifestiert sich in hybriden Formen.
Zilla Leutenegger und Ingo Giezendanner spielen die Möglichkeit des Zusammenfügens der unterschiedlichen Medien je beispielhaft durch. Sie nutzen in ihren Installationen Mittel wie Video, Klangelemente und Wandzeichnung und inszenieren gekonnt mal ein melancholisches, mal ein urban geprägtes Lebensgefühl in comicartigen Stimmungsbildern. Yves Netzhammer, Urs Fischer, Boris Rebetez und andere überführen die Zeichnung in den Raum und arbeiten mit Materialien wie Folie, Kordel oder Sockel. Andere Werke, beispielsweise dasjenige von Nic Hess, der mit Klebeband Eduard Munchs Schrei an der Wand übers Eck multipliziert, sprengen den traditionellen Bildrahmen. Die grossformatige Arbeit von Robert Ireland, abstrakte Formen in farbigem Kunstharz auf Papier, gerät sehr in die Nähe der Malerei, Jean Crottis Experimente mit unterschiedlichen Druckverfahren auf Materialien wie Militärdecken werden hingegen auch als Druckgrafiken gehandelt. Ante Timmermann überrascht mit einer einzigen, durchlöcherten Radierung, die dank dem Hellraumprojektor zwei Bilder offenbart, die gegensätzlicher nicht sein könnten.
Ob von medialen Vorlagen beeinflusst wie bei Marc Bauer, in einem skizzenhaften, tagebuchartigen Stil wie bei Annelies Coste oder mit vectorisierten Linien wie bei Joëlle Flumet, die Zeichnung lebt wie nie zuvor. Gerade deshalb hätte man sich noch mehr wirklich ortsbezogene Arbeiten in der inspirierenden Ausstellung gewünscht. Statt der gerahmten Zeichnungen für die gute Stube könnte man sich von Silvia Buonvicini eine auf dem Teppichboden eingebrannte Zeichnung denken oder von Didier Rittener eine wandfüllende Arbeit. Diese hätte die charakteristische Art des heutigen, sitespezifischen Kunstschaffens noch schärfer gezeichnet.

Bis: 25.04.2011


Katalog jrp|ringier



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Ausgabe 4  2011
Ausstellungen Voici un dessin suisse (1990-2010) [29.01.11-25.04.11]
Institutionen Aargauer Kunsthaus [Aarau/Schweiz]
Autor/in Andrina Jörg
Autor/in Yves Netzhammer
Autor/in Urs Fischer
Künstler/in Josse Bailly
Künstler/in Marta Riniker-Radich
Künstler/in Ingo Giezendanner
Künstler/in Andreas Dobler
Künstler/in Robert Ireland
Künstler/in Marc Bauer
Künstler/in Anne-Lise Coste
Künstler/in Didier Rittener
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