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4.2011




Frankfurt/M : Eugen Schönebeck


von: Grit Weber

  
links: Eugen Schönebeck vor dem Gemälde Bildnis Nr. 3, ca. 1962 (zerstört). Foto: Georg Baselitz
rechts: Eugen Schönebeck · Der wahre Mensch, 1964, Öl auf Leinwand, 219,5 x 188,5 cm, © Pro Litteris. Foto: bpk


Der Kunstbetrieb kann manchmal ein Bermudadreieck sein, ab und an verschwinden hier Leute, tauchen für Jahrzehnte unter, und manche kommen nie wieder an die Oberfläche der Aufmerksamkeit. Der Maler Eugen Schönebeck, der einige Zeit eng mit Georg Baselitz zu tun hatte, ist solch ein Versunkener, dessen Wiederauftauchen nun die Kunsthalle Schirn - zu Recht - mit einer grossen Gesamtschau feiert. Anhand von nur etwa dreissig Gemälden und ebenso vielen grafischen Blättern begibt sich das Publikum in das nicht gerade umfängliche, dafür umso überzeugendere Œuvre Schönebecks.
Ende der Fünfzigerjahre geht Schönebeck (*1936, Heidenau bei Dresden) nach Berlin, wo er im Westteil 1957 Georg Baselitz an der Hochschule für Bildende Künste kennenlernt und mit ihm 1961 und 1962 die manifestartige Zeitschrift ‹Pandämonium› veröffentlicht. Schönebeck entwickelt seine grossformatigen Malereien ausgehend vom Tachismus. 1962 malt er das Porträt einer jungen Frau, in dem zudem die Rezeption der Malereien von Francis Bacon Eingang gefunden hat. Vom Gesicht der Frau ist nur mehr eine farbgewordene Masse übrig geblieben. Die violett-braune Farbe hat sich vollständig vom Gegenstand der Gesichtszüge gelöst, ohne jedoch das Körperliche ganz aufzugeben. Was bleibt, ist ein Kopf mit einer fleischigen Form als Nase, Mund und Stirn, wir schauen keiner jungen Frau ins Gesicht, sondern sehen ein zerfetztes Etwas. Das Verstümmelte, Zerstörte ist in mehreren Bildern dieser Jahre sichtbar: ‹Der Köder› von 1963 ist eine auf den Kopf (!) gestellte Kreatur, deren Körper wie ein dumpfer Sack auf dem Boden steht, Gliedmassen ragen in den Bildraum. Dieses kompositorische Prinzip, in dem Körper wie im Bild aufgehängt erscheinen, kulminieren in mehreren Gemälden, die einen verstümmelten Gekreuzigten zeigen, dessen Gesicht entfernt an das des Künstlers erinnert. Ab 1964 festigt sich die Kontur, sein Malstil wird flächiger, die Körper kompakter. Schönebeck malt nun gros­se Porträts von Mao Tse-Tung, Wladimir Majakowski oder Boris Pasternak. Bei diesen und anderen Gemälden der «Helden des Ostens» nutzt Schönebeck bewusst die Monumentalität propagandistischer Malerei, doch verzerrt er zuweilen leicht die Perspektive, verkürzt die Körper oder stört den illusionistischen Eindruck gezielt, indem er Symbole oder rätselhafte Gestänge ins Spiel bringt. Was auffällt, ist Schönebecks ausserordentliches Farbempfinden, das gebrochene Grün- und Grautöne mit leuchtendem Türkis oder Rosa in Verbindung bringt. Komposition, Farbsensibilität und auf Fernwirkung zielende Malerei erscheinen bis heute von ungebrochener Frische, Kraft und Aktualität. Im Jahre 1967, ein Jahr nachdem er das Porträt des mexikanischen Bürgerrechtlers Siqueiros vollendet, das sich im Besitz des Städel Museums befindet, hört Schönebeck plötzlich zu malen auf und verschwindet aus der Kunstöffentlichkeit.

Bis: 15.05.2011


‹Eugen Schönebeck 1957-1967›, Pamela Kort, Max Hollein (Hrsg.) Hirmer Verlag, München 2011



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Ausgabe 4  2011
Ausstellungen Eugen Schönebeck [22.02.11-15.05.11]
Institutionen Schirn Kunsthalle [Frankfurt/M/Deutschland]
Autor/in Grit Weber
Künstler/in Eugen Schönebeck
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