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Editorial
5.2011




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TITELBILD · Jean-Luc Mylayne · No. 334, 2005, 193 x 195 cm. Courtesy Barbara Gladstone Gallery, N.Y.


Rotkehlchen, Schwalben oder ein zinnoberroter Fliegenschnäpper - Jean-Luc Mylayne (*1946, Marquise) jagt nicht nach ornithologischen Besonderheiten. Und doch ist er weltweit unterwegs, wartet manchmal Monate, bis sich ein bestimmter Vogel vor die präzis platzierte Grossbildkamera setzt und in die Linse blickt.
Die Bilder sind oft verwischt, manchmal haben sich Reflexe eingebrannt oder ein Traktorreifen drängt seitlich ins Format. Sie halten weder eine zufällige Begegnung fest noch eine mit dem Teleobjektiv herangezoomte, scheinbar ungestörte Naturidylle.
Was sonst? Anlässlich einer Einzelausstellung in Madrid verwies die Kuratorin Lynne Cooke auf den Artikel des englischen Schriftstellers, Malers und Kunsthistorikers John Berger, ‹Warum sehen wir Tiere an?›. Der Autor reflektiert darin unser heutiges Selbstverständnis, das dadurch geprägt wird, dass uns Tiere nur noch gezähmt oder im Zoo begegnen. In der 1991 auf Deutsch erschienenen Fassung le­sen wir: «Dieser Blick zwischen Tier und Mensch, der vielleicht eine wesentliche Rolle in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft gespielt hat und mit dem auf jeden Fall alle Menschen noch bis vor weniger als einem Jahrhundert gelebt haben, wurde ausgelöscht.» Während Berger die abwesenden Blicke der in ihren Gehegen dahinvegetierenden Kreaturen beklagt, kontert Mylayne diesen zivilisatorischen Verlust mit einer künstlerischen Strategie und sucht den Dialog andernorts. Seine Bilder zeugen von achtsamen Begegnungen, ohne dass er die natürliche Distanz zu seinen freifliegenden Protagonisten mit einer wuchtigen Optik austricksen würde.
Auf die Aufnahme stiessen wir im Pressematerial zur kommenden Venedig-Biennale. Uns gefiel sie als Einstimmung auf den Kunstfrühling, welcher hier im Heft mit dem Interview von Bice Curiger einen ersten Echoraum findet. Claudia Jolles



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Ausgabe 5  2011
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