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Fokus
5.2011


 Die Künstlerin Ingrid Wildi Merino, bekannt durch ihre Videoessays, hat als Kuratorin zum Thema der Globalisierung Ausstellungen in Santiago de Chile und in Bern realisiert. Über ihre Kunst sagt Wildi, dass sie «nie im Satz schneide». Mit gleicher respektvoller Behutsamkeit hat sie nun die Werke ihrer Kollegen zu einem Gesamtprojekt kuratiert.


Dislocación - Kulturelle Verortung in Zeiten der Globalisierung


von: Philip Ursprung

  
links: Thomas Hirschhorn · Made in the Tunnel of Politics, 2010, Mixed Media, 6 x 1,8 x 2,1 m © ProLitteris
rechts: Juan Castillo · Lichtfelder, 2010, Multimedia-Installation, Fotografie, Video, Graffiti, Licht, variable Masse. © ProLitteris


Der Begriff ‹Dislocación›, der im Spanischen das Ausrenken eines Gelenkes bezeichnet, bringt Wildi Merinos Konzept auf den Punkt. Es geht um die Frage, welche Wirkung die Globalisierung auf die Menschen hat, wie sie ihre Wahrnehmung von Raum und Zeit, ihre Sprache, ihr Bild der Geschichte verändert. Die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler – Ursula Biemann, Boisseau & Westermeyer, Juan Castillo, Thomas Hirschhorn, Alfredo Jaar, Voluspa Jarpa, Mario Navarro, Bernardo Oyarzun, Relax (chiarenza & hauser & co.), Javier Rioseco, Lotty Rosenfeld, Ingrid Wildi Merino, Camillo Yanez – zerlegen den abstrakten Begriff der Globalisierung in verschiedene konkrete Situationen. Die Ausstellung will nicht ein Phänomen aus der Distanz darstellen, sondern es für die Besucher konkret erfahrbar machen. Sie will danach fragen, wie die Globalisierung unsere Perspektive verzerrt und erschüttert. Sie will zeigen, dass wir nicht über die Globalisierung sprechen, sondern nur artikulieren können, was mit uns unter dem Einfluss der rohen Kräfte geschieht.

Chile: Labor der Globalisierung

Wildi wählte Chile bewusst als Gegenstand: Mit dem Putsch von General Pinochet 1973 wurde nicht nur die demokratische Ordnung des Landes zertrümmert, sondern zugleich die chilenische Gesellschaft als erste ohne Schutz den Kräften der Deregulierung ausgesetzt. Man kann Chile gleichsam als Labor der Globalisierung auffassen, denn auch nach dem Ende der Diktatur 1990 hat sich die Gesellschaft vom Trauma nicht erholt und ist bis heute von schroffen Gegensätzen der sozialen Klassen geprägt. Namentlich in der Veränderung der Städte lässt sich diese Dynamik verfolgen.
Javier Rioseco beispielsweise hat in seiner Installation ‹Decreto Publico no habitable› die Problematik aufgegriffen, Slums zu sozialen Wohnbauten zu transformieren. Seine Installation lädt die Besucher ein, ein behördlich geplantes Wohnzimmer zu erleben und anhand von Videofilmen zu sehen, wie die Benutzer selber vom Planungsprozess weitgehend ausgeschlossen bleiben. Die Vertreter der Regierung, die Planer, Architekten und die Vertreter von Hilfswerken scheinen besser zu wissen, was für die Betroffenen gut ist. Dass diese in wertlose Territorien abgeschoben werden, zeigt sich daran, dass regelmässig ohrenbetäubender Flugzeuglärm über die Installation schallt. Relax (chiarenza & hauser & co.) zeigen in ‹Invest and Drawwipe› ein buchstäblich zerrüttetes Interieur. Sie haben in einer Zeitungsannonce in der ‹Frankfurter Allgemeinen Zeitung› vom September 1973, also unmittelbar nach dem Putsch, einen Aufruf gefunden, in Chile zu investieren. Sie zeugt von der Gier des Westens, von der Zerstörung der Demokratie in Chile zu profitieren, und davon, dass die Probleme der jüngeren Geschichte Chiles sich nicht isoliert betrachten lassen.
Thomas Hirschhorns ikonische Installation ‹Made in the Tunnel of Politics› zeigt einen zerschnittenen Pick-up, welcher mit Klebebändern fixiert ist. Das zerrissene Statussymbol symbolisiert nicht nur den ohnmächtigen Versuch, die Wunden, welche die Diktatur gerissen hat, zu reparieren, sondern legt auch davon Zeugnis ab, dass alles, was im «düsteren Tunnel der Politik» (Hirschhorn) passiert – sei es nun die Politik einer Diktatur oder einer Demokratie – auch zu dysfunktionalen und monströsen Resultaten führen kann. Ingrid Wildi Merino selbst schliesslich führt die Betrachter in ihrer Arbeit ‹Arica, Norte de Chile – No Lugar y Lugar de Todos› in den Norden des Landes, nach Arica. In dieser «synthetischen Stadt» (Wildi Merino), die von der Minenindustrie, dem Handel und der Arbeitsmigration geprägt ist, hat sich zugleich eine ganz spezifische Identität bilden können. Wildi Merinos Videoinstallation zeigt Aufnahmen der Stadt gegenüber von Interviews mit Vertretern der Behörden und Wissenschaftlern. Sie zeugen von einer Schönheit und Lebensqualität, welche sich mit den herkömmlichen Kriterien des «Stadtbildes» nicht erfassen lassen.

Chile ist überall

Die erste Phase von ‹Dislocación› fand im Herbst 2010 in Santiago de Chile statt. Von Anfang an war geplant, die Ausstellung auch in Bern zu zeigen. Die Situation in Santiago unterscheidet sich grundsätzlich von derjenigen der Schweizer Stadt. Weil sich die zuerst ins Auge gefassten Institutionen in Santiago weigerten, die Ausstellung zu tragen, wurden die verschiedenen Werke quasi zwangsläufig auf diverse Orte in der Stadt aufgeteilt, vom Museo de la Solidaridad Salvador Allende bis hin zum Off-Space der Galeria Metropolitana, von einer Buchhandlung im Zentrum bis zum ehrwürdigen Museo Nacional de Bellas Artes. Wer die Ausstellung besuchte, lernte gleichzeitig die Stadt in ihren Widersprüchen und ihrer Schönheit kennen. In Bern wäre diese Ortsspezifik nicht sinnvoll gewesen. Der öffentliche Raum in der Schweiz ist derart homogenisiert, dass die Kontraste und Differenzen, die Chile prägen, fast völlig verschwunden sind. In Bern ist es hingegen möglich, die Interaktion zwischen den verschiedenen Werken zu erfahren. Sie rücken den Kontext in ein neues Licht und lassen die Besucher die Enge des musealen Innenraums eindringlich spüren.

Grenzen neu verhandeln
Unterschiedlich waren auch die Kolloquien, welche sowohl in Chile wie in der Schweiz einen zentralen Bestandteil des Projekts bildeten. Während in Chile tout Santiago zur Vernissage und zu den Vorträgen erschien – und auch die Quartierbewohner Anteil nahmen an der Installation von Hirschhorns Werk –, glänzte die Berner Kunstszene beim Symposium durch Abwesenheit. Liegt es daran, dass Chile noch immer als «Anderes» betrachtet und, aus der Perspektive der Schweiz gesehen, in einem toten Winkel liegt? Hirschhorn legte den Finger in seinem Votum auf den wunden Punkt, als er darlegte, dass es ihm in erster Linie darum gehe, für ein «nicht-exklusives» Publikum zu arbeiten. Das Projekt ‹Dislocación› stellt die Grenzen, welche die Kunstwelt sich selber gezogen hat, in Frage. Es ist nicht nur ein Appell, diese Grenzen neu zu verhandeln, sondern hilft auch zu begreifen, dass die Globalisierung kein Phänomen ist, das irgendwo auf der Welt geschieht, sondern eine Dynamik beschreibt, die uns alle betrifft und der wir uns nirgendwo entziehen können.
Man kann es dem Kunstmuseum Bern nicht hoch genug anrechnen, das Projekt ‹Dislocación› mitzutragen. Angesichts der Schweizer Museumslandschaft, die sich international zunehmend isoliert und sich seit Jahren auf monographische Ausstellungen, beziehungsweise mehrheitsfähige Themenausstellungen bescheidet, hat Bern Rückgrat gezeigt. Ohne den Mut und die Präzision der Kuratorin Kathleen Bühler, die das Konzept von Wildi Merino für die Situation in Bern adaptierte, hätte das Projekt und der ambitionierte Katalog nicht in so kurzer Zeit realisiert werden können. Dass die Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey das Patronat übernommen hat, ist ein Signal an die Kunstwelt, sich in experimentellen Ausstellungen zu engagieren, welche einen kritischen Blick auf die Gegenwart werfen. Es ist ein Signal an die Politik, die Rahmenbedingungen für zeitgenössische Kunst nicht zu schwächen. Und wer weiss, vielleicht entzündet sich am Funken von ‹Dislocación› jene Energie, die nötig wäre, um in der Schweiz endlich eine längst fällige internationale Turnusausstellung, eine Biennale, ins Leben zu rufen.
Philip Ursprung (*1963 in Baltimore, MD) Professor für Kunst- und Architekturgeschichte an der ETH Zürich. Wissenschaftlicher Berater des Projektes ‹Dislocación›.

Bis: 19.06.2011



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Ausgabe 5  2011
Ausstellungen Dislocación [18.03.11-19.06.11]
Video Video
Institutionen Kunstmuseum Bern [Bern/Schweiz]
Autor/in Philip Ursprung
Künstler/in Thomas Hirschhorn
Künstler/in Juan Castillo
Künstler/in Mario Navarro
Künstler/in Ingrid Wildi
Künstler/in RELAX
Künstler/in Alfredo Jaar
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