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Besprechung
5.2011


Hilar Stadler :  Georg Aerni stellt mit seiner Fotografie Kristallisationspunkte einer globalen Urbanisierung dar. In der Galerie Bob Gysin zeigt er seine aktuelle Arbeit über Mumbai; einen gültigen Werküberblick ermöglicht erstmals der bei Scheidegger & Spiess erschienene Bildband ‹Sites & Signs›.


: Georg Aerni, ‹Promising Bay›


  
links: Georg Aerni · Dharavi, 2007, Pigment Inkjet-Print, 98 x 124 cm
rechts: Georg Aerni · Kurla, 2010, Pigment Inkjet-Print, 62 x 78 cm


Seine Fotografie reflektiert unterschiedliche Zustände des Architektonischen. Georg Aerni arbeitet in den Städten - in Paris, Barcelona, Hongkong, Tokio - und wendet sich der Landschaft zu, etwa mit der Serie ‹Holozän›, welche das stetige Verschwinden der Gletscher unter dem Einfluss einer globalen Erwärmung thematisiert. Seine Reflexion über das Urbanistische - er begreift auch die Landschaft als Aspekt eines übergreifenden urbanen Konzeptes - verbindet er mit dem Ansatz der Analyse.
‹Promising Bay› ist während zwei Arbeitsgängen 2007 und 2010 in der indischen Metropole Mumbai entstanden. Aernis Fotografie zeigt die Nahtstelle zwischen den Slums, in denen der Grossteil der zugezogenen Bevölkerung lebt, und den Neubaugebieten für die erstarkte Oberschicht, welche mehr und mehr die zentral gelegenen Armensiedlungen verdrängen. Er zeigt auf, dass die städtebaulichen Vorhaben der Regierung, welche die Umsiedlung der Slumbewohner an den Stadtrand vorsieht, nicht greifen können, da die billigen, aus den Slums hergeholten Arbeitskräfte schliesslich den Wohlstand der Oberschicht - die Gewinnerin der Globalisierung - stützen.
Aernis Bilder sind mit Bedacht konzipiert, folgen präzisen kompositorischen Vorgaben und bestechen durch ihre tektonischen Qualitäten, welche das «all over», die Ausgewogenheit der Segmente anstreben. Die gewählte Ästhetik, die der Bildsprache der sachlichen Architekturfotografie verpflichtet ist, betont die Eigengesetzlichkeit des Mediums. In der Regel fotografiert er mit einer grossformatigen Plattenkamera, die bekanntlich zu Langsamkeit zwingt.
Im Unterschied zur Becher-Schule, an der nach wie vor jede Architekturfotografie abgeglichen wird, steht bei Aerni nicht der Dialog mit dem Tafelbild im Vordergrund. Er arbeitet oft in Serien und ist dem Fragmentarischen verpflichtet. Scheint seine Bildsprache eine gewisse Distanziertheit zu suggerieren, sucht er mit der Wahl des Standpunktes die Nähe zum Motiv. Durch diese Annäherung lassen sich die übergeordneten Zusammenhänge lokalisieren und öffnen seine Bilder den Blick auf geschichtliche Abläufe. Diese Arbeitsweise kommt seinem soziologischen Interesse entgegen und führt seine Fotografie über die Darstellung hinaus in die Diagnose. Er will die gewählten Schauplätze nicht nur abbilden, er macht durch seine Fotografie vielmehr die Gesetzmässigkeiten und systematischen Abhängigkeiten erkennbar, welche die Ordnungen determinieren.



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Ausgabe 5  2011
Ausstellungen Georg Aerni [18.03.11-14.05.11]
Institutionen Bob Gysin [Zürich/Schweiz]
Autor/in Hilar Stadler
Künstler/in Georg Aerni
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