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Besprechung
5.2011


Roswitha Schild :  Dank seiner Wandlungsfähigkeit wird jede Begegnung mit neuen Werkphasen Otto Lehmanns (*1943) zum Erlebnis. Vom aggressionsgeladenen Schöpfer expressiver Figuren über den Raum-, Gitter-, schliesslich Strichzeichner zum subtilen Beschwörer der einfachen Dinge: Harmlos war er nie!


: Otto Lehmann, ‹Bilder einer Reise im Kopf›


  
Otto Lehmann · o. T., 2010, Farbstift auf Papier, 21 x 29 cm


Eine Zeichnung zeigt einen Stuhl vor einer Wand, flankiert von zwei in Töpfen gefangenen (Lebens-)Bäumen. Für wen wurde der Platz leer gehalten? Fühlte sich der Platznehmende wie ein König? Oder eher wie der Protagonist einer Abdankungsfeier? Dann eine Zeichnung mit zwei Stützmauern, eingezwängt zwischen Boden und Decke, dazwischen als Puffer eine orangefarbene Verstrebung - ein bekanntes Motiv von Otto Lehmann, doch neu gesehen in Farbe. Auch Zeichnungen mit vertikal das Blatt überziehenden Strichen, an Reisig erinnernd, welche den Blick auf etwas Dahinterliegendes teilweise versperren und eine klare Deutung so verunmöglichen.
Kommen einem die vibrierenden Zeichnungen wie Energiefelder vor, sind die Gemälde Stillleben im wahrsten Sinn des Wortes. Eine accessoirefreie Zone, karg möbliert: ein Boden, eine Wand, eine Decke, ein leerer Rahmen, ein Fenster, eine Tür, ein Bänkchen - nichts Erklärendes, Ausschmückendes, welches den Bildgegenständen eine Geschichte gäbe. Die Dinge stehen für sich alleine, doch die Art, wie der Künstler sie ins Bild setzt, lässt eine innere Bewegung aufkommen, welche wohl jener des Künstlers angesichts der auslösenden realen Situation entspricht. Otto Lehmann findet seine Motive überall: auf Bergwanderungen, in Tiefgaragen, Krankenhäusern, auf dem vertrauten Weg zum Atelier. Die Schachtel und den eingerollten Teppich, den er neben dem Eingang eines Altersheims als Sperrgut vorfand, inszeniert er innerhalb eines gleichsam metaphysischen Bühnenraums dermassen karg und ausgesetzt, dass einen unvermittelt eine leise Melancholie beschleicht. ‹Bilder einer Reise im Kopf› spielt auf den Vorgang an, wie der Künstler etwas sieht und was mit dem Gesehenen im Gehirn in Abgleichung mit unzähligen anderen Bildern geschieht. Dabei wird immer mehr der Kern des Bildes herausgeschält, gleichsam das Archetypische. Das Bild verlangt nach umgehender Realisation. Setzt er den Pinsel an, muss sich das Bild in seinem Kopf bereits konkretisiert haben. Der lasierende Farbauftrag lässt kaum Korrekturen zu.
Otto Lehmanns Arbeit hat sich in Sprüngen entwickelt - fast paradoxerweise unter gleichzeitiger Einhaltung einer inneren Kontinuität, die spiegelt, dass seine künstlerischen Entscheidungen jeweils mit seiner persönlichen Entwicklung einhergehen. Das Sehen, Erleben, das Bildermachen lebendig zu halten sind Voraussetzung wie Ziel seines Schaffens.



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Ausgabe 5  2011
Autor/in Roswitha Schild
Künstler/in Otto Lehmann
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