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Besprechung
5.2011


Birgit Fritsch Baur :  Die Shedhalle zeigt eine Gruppenschau mit elf internationalen künstlerischen Standpunkten. Diese beschäftigen sich in Installationen, Fotografien und Videos mit der als existenziell erfahrenen Schlaf- und Traumthematik sowie ihrem widerständigen Potenzial.


: ‹Dump Time›, eine Praxis des Widerständigen


  
Mladen Stilinovic · Artist at work, 1978, Detailansicht


Das Thema Schlaf und Traum birgt ein weites Feld. Das Kuratorinnenteam Anke Hoffmann und Yvonne Volkart setzte sich zum Ziel, sowohl über spielerisch-surrealistische als auch über politisch-reflektorische Positionen nach der Ästhetik und Widerständigkeit des Schlafs zu fragen. Das beruhigende Nachtblau der Wände und der locker über die Decke gespannten Stoffbahnen wirkt verführerisch und dient gleichsam als farbliche Klammer zwischen den unterschiedlichen Werken.
Den Anfang der Ausstellung bestreitet der seit den Siebzigerjahren bekannte kroatische Künstler Mladen Stilinovic (*1947). Sein Manifest ‹Praize of Laziness› liest sich als Hymne auf die Faulheit. Er deklariert die Absenz von Bewegung, Denken und Sinneseindrücken, die sogenannte «dumb time», als Voraussetzung künstlerischen Schaffens. Stilinovic sieht dies als Gegensatz zum strebsamen Produzieren und fordert die westlichen, vom Kapitalismus geprägten Künstler dazu auf, sich diese dumb time als Kreativitätsfaktor anzueignen, und er macht dies in diversen Ruheposen im Bett in der Fotoserie ‹Artist at work› von 1978 gleich selbst vor. Der provokant-ironische Werktitel ist auch im historisch-politischen Kontext des jugoslawischen Staatssozialismus zu verstehen - als Widerstand gegen die damals allgegenwärtige Propaganda für eine kollektive Arbeitsamkeit. Der deutsche Künstler Eiko Grimberg (*1971) erzählt in seinem aufs Minimum reduzierten Schwarzweiss-Video ‹Madwoman in the Attic›, 2006, von Ida Stieglitz Heimanns Entschluss, fortan im Bett zu bleiben. Dieser versteht sich als Ausdruck des passiven Widerstandes und führt von einer kreativen Tätigkeit zur totalen Verweigerung. Grimberg verwendet im Video Fotografien des Cousins von Ida Stieglitz, Alfred Stieglitz, welche dieser von seiner Frau, der Malerin Georgia O'Keeffe, machte. In der Überlagerung zweier so unterschiedlicher Frauenleben plädiert Grimberg für das Aufbrechen weiblicher Rollenmuster.
Die Gruppenausstellung überzeugt durch einzelne Spitzenwerke, in denen Unterschiedliches über eine Ästhetik des Widerstands zum Thema Schlaf und Traum locker zusammengeführt wird. Die Komplexität der installativen Arbeiten und die etwas überspitzt wirkende nächtliche Umhüllung zwingt den Besucher in die Kontemplation. Der Rundgang selbst kann somit als Entschleunigung in unserer durch Schlafentzug geplagten modernen Industriegesellschaft wahrgenommen werden.



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Ausgabe 5  2011
Autor/in Birgit Fritsch Baur
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