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Besprechung
5.2011


Simon Baur :  Karim Noureldin tritt in seiner aktuellen Ausstellung nicht nur mit seinen eigenen grossformatigen Zeichnungen auf, sondern verortet diese in einem weiteren kulturellen Kontext. Mit seinen Papierarbeiten umkreist er eine Installation mit Designobjekten von Vertretern der klassischen Moderne.


: Karim Noureldin, ‹Integral›


  
Karim Noureldin · Integral, 2011, Ausstellungsansichten von Bartha Garage, Basel © ProLitteris


Wer die Zeichnungen von Karim Noureldin (*1967, Zürich) wie einen Parcours abläuft, fühlt sich in eine der dargestellten verwinkelten Strukturen hineinversetzt und versteht sofort, wie räumlich diese gedacht sind. Zu sehen sind amorphe und kristalline Formen, die an topografische Situationen erinnern, an Ausschnitte von Landkarten mit Seenplatten, Waldpartien, Landstrassen. Amöbenartige Rundwege, Höhenkurven, Schluchten und Felsvorsprünge werden evoziert. Ob das Anleitungen für eine Wanderung, Situationen für den Bau einer Stadt oder eines Dorfes oder das geologische Raster für die eigenen Seelenspaziergänge sind, spielt eigentlich keine Rolle.
Die amorphen Blätter erinnern an Gemeinschaftsarbeiten von Hans Arp und Sophie Taeuber und wecken entfernt auch Assoziationen an Jasper Johns, der bekanntlich mit einigen seiner Werke an Landkarten anknüpfte. Die kristallinen Zeichnungen, die vorwiegend aus Linienbündeln, Kanten, Ecken und darin eingeschlossenen weis­sen Leerräumen bestehen, erinnern an die Langzeitbelichtungen von Bremslichtern auf nächtlichen Strassen. Diese Lichtbündel, aus denen einzelne Linien extrahiert werden können und die doch wie horizontale Stromstösse wirken, evozieren eine Dynamik, die an suprematistische und futuristische Kompositionen gemahnt. Die Farbenkombinationen wirken bisweilen sehr zurückhaltend, fast lasierend und dann auch wieder sehr schroff, zackig und ungelenk: Den Wäldern und Seen werden Raster und Schraffuren entgegengehalten. Doch diese Ambivalenz passt bestens zur Ästhetik einer ehemaligen Autogarage, wo die geschwungenen Kotflügel genau so nachklingen wie die Explosionen eines defekten Kühlers.
Mitten im Raum findet sich eine Installation mit Werken u.a. von Moholy-Nagy, Aurélie Nemours, Vasarely, Camille Graeser, aber auch von jüngeren Künstlern wie Beat Zoderer und Daniel Robert Hunziker. Dadurch entsteht zwar keine wirkliche Synthese, die Designklassiker und Museumstücke werden durch die Konfrontation mit Noureldins Arbeiten kaum neu gesehen und funktionieren vor allem als Verweise auf den reichen Fundus der Bartha Collection. Dennoch sind die Objekte durchaus interessant, da sie das Referenzsystem zeigen, in welchem sich Noureldin verortet.



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Ausgabe 5  2011
Autor/in Simon Baur
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