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Besprechung
5.2011


Raimar Stange :  Der französische Künstler Cyprien Gaillard zählt zu den Shootingstars der internationalen Kunstszene. Bekannt geworden ist er vor allem aufgrund seiner Videos und Vitrinen-Displays zum Thema ‹Monument und Zerstörung›. Jetzt überzeugt er in den Berliner Kunst-Werken mit einer «performativen Skulptur».


Berlin : Cyprien Gaillard, ‹The Recovery of Discovery›


  
links: Cyprien Gaillard · The Recovery of Discovery, 2011, Pappe, Glas, Metall, Bier, ca. 12 x 8 x 4,25 m. Foto: anna.k.o.
rechts: Cyprien Gaillard · The Recovery of Discovery, 2011, Pappe, Glas, Metall, Bier, ca. 12 x 8 x 4,25 m. Foto: Josephine Walter


Aus zusammengestellten Bierkisten hat Cyprien Gaillard (*1980, Paris) in der grossen Ausstellungshalle der Berliner Kunst-Werke eine stufenförmige Pyramide gebaut. Die Pyramide ist ausdrücklich begeh- und benutzbar, benutzbar in dem Sinn, dass die Bierflaschen aus den Kästen genommen und zum feucht-fröhlichen Konsum genutzt werden dürfen. So war die Eröffnung der Ausstellung dann auch ein recht ausgelassenes Fest, denn prompt machten die zahlreich erschienenen Besucher von diesem grosszügigen Angebot Gebrauch, erklommen munter die Pyramide und verweilten dort trinkend und rauchend - ausnahmsweise war es an diesem Abend erlaubt, albern lachend und laut redend. Im Laufe der Ausstellungsdauer geht das vermeintlich allzu menschliche «Kunstsaufen» weiter - und damit auch die fortschreitende Zerstörung der Skulptur ‹The Recovery of Discovery›. So warnt denn auch ein Text in der Halle aus gutem Grund: «Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass die Tragfähigkeit der Bierkisten mit Gebrauch abnimmt.»
Nicht irgendein Bier übrigens trinken die Besucher hier, sondern eines der Marke ‹Efes›, also das populäre türkische Bier, das seinen Namen von der antiken griechischen Tempelstadt Ephesos ableitet. Präzise bis ins Detail zeichnet Cyprien Gaillard sein interaktives Denkbild, das von der Zerstörung verehrter historischer Monumente gerade durch ihren Besuch erzählt. Schon in seinem 16-mm-Film ‹Cities of Gold and Mirrors›, 2009, stand dieses Sujet im Fokus des jungen französischen Künstlers. Damals waren es betrunkene amerikanische Touristen, die sich in Mexiko vor einem alten Maya-Tempel unter Alkoholeinfluss überaus respektlos amüsierten.
Die Arbeit ‹The Recovery of Discovery› knüpft also einerseits an den Film ‹Cities of Gold and Mirrors› an, andererseits verschiebt sie den Fokus geschickt. Nun nämlich sind es nicht in erster Linie Touristen, die das Monument zerstören, sondern sogenannte Kunstfreunde. Erschreckend schon war es zu sehen, wie diese gerade an der Eröffnung in die Falle Gaillards liefen, die Möglichkeit des kostenlosen Betrinkens ausnutzten und sich dabei durchaus vergleichbar den besagten amerikanischen Touristen verhielten. «Kunstgenuss», auch wenn er im Werk angelegt ist, zerstört die Kunst, so wohl lautet des Künstlers These hier. Und hatte nicht schon der Frankfurter-Schule-Philosoph Theodor W. Adorno angesichts des desaströsen Zustandes unserer Welt mahnend festgestellt: «Kunstgenuss ist banausisch»?

Bis: 22.05.2011



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Ausgabe 5  2011
Ausstellungen Cyprien Gaillard [27.03.11-22.05.11]
Institutionen KW Institute for Contemporary Art [Berlin/Deutschland]
Autor/in Raimar Stange
Künstler/in Cyprien Gaillard
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