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Besprechung
5.2011


Konrad Tobler :  Zum 2. Mal wurde im Kanton Bern der Manor-Kunstpreis verliehen - diesmal an Julia Steiner (*1982). Im Centre PasquArt Biel zeigt die Künstlerin einen weiteren Höhepunkt ihrer eindrücklichen Laufbahn: neue, grossformatige Arbeiten auf Papier, Kleinskulpturen und eine Wandmalerei in der Sale Poma.


: Julia Steiner, ‹Kaleidoskop›


  
links: Julia Steiner · Kaleidoskop, 2011, Wandzeichnung, Courtesy: Galerie Urs Meile, Beijing, Luzern
rechts: Julia Steiner · Fragmente der Welten, seit 2005, Objekte mit Kartonschachteln, verschiedene Formate. Foto: GFF, Bienne


Ist es ein Fallen oder ein Fliegen? Ist es ein Zerbersten oder ein Aufblühen? Verschwindet etwas oder taucht etwas aus dem Nichts auf? In dieser vielfachen Ambivalenz bewegen sich die neusten Arbeiten von Julia Steiner, wie immer mit schwarzer Gouache auf Papier. Von dieser Doppeldeutigkeit sprechen auch die Werktitel: ‹Growth (gravity play)› oder ‹drop cut (gravitation act)›. Schwarz auf weiss entwickeln sich die teils biomorphen, teils auch hart akzentuierten Formen in einem All over über das Papier. Längst hat Julia Steiner die figürlichen Elemente verlassen, die in ihren früheren Arbeiten immer wieder auftauchten. Ihre Bildwelt ist damit komplexer und zugleich im besten Sinn undurchdringlicher geworden, hat aber immer noch das faszinierend Traumwandlerische und Dynamische, das sich auch in der fast stupenden Sicherheit niederschlägt, mit welcher die Künstlerin malt und die Kompositionen beinahe aus dem Nichts entwickelt.
Das stimmt selbstverständlich so nicht: Hinter der nur scheinbaren Leichtigkeit dieses Werks steckt viel Reflexion, steht ein kontinuierliches Experimentieren, das sich in den rund 140 ‹Sammlungsstücken› niederschlägt, die in der Bieler Ausstellung in einer Vitrine ausgebreitet sind. Die ‹Sammlungsstücke› sind Fingerübungen für Formen, Rhythmen, Dynamiken und Strukturen, die sich in den Bildern wieder finden. Diese Bildsprache explodiert dann in der grossen Sale Poma, in der Steiner in relativ kurzer Zeit eine packende Wandmalerei geschaffen hat, die sich über drei Wände erstreckt. Erneut zeigt sich hier die Sicherheit, mit der die Malerin-Zeichnerin ihre Setzungen macht - ja, das muss ihr jemand vor- oder nachmachen. Formen ballen und verflüchtigen sich, die Künstlerin hat aber auch - gewissermassen in chinesischer Tradition - den Mut, viele Leerstellen zu lassen, welche die Dynamik des Bildes verstärken. ‹Kaleidoskop› heisst das Werk - ein weiterer Verweis auf die bereits erwähnte Ambivalenz und Dialektik von Auseinanderfallen und Neuformation, von scheinbarem Zufall und genauer Komposition.
Kaleidoskopartig dann auch die Bodeninstallation ‹Fragmente der Welt›. Es sind Fundstücke, scheinbar Nebensächliches, das da und dort verformt und umgearbeitet wurde. Die Installation ist ein Werk, das die Künstlerin über die Jahre wie nebenher in ihrem Atelier hat wachsen lassen. In dieser verspielten, manchmal surrealen Welt lassen sich die Feinheit, die Freiheit und die Poesie dieses Werks auf eine andere, überraschende Weise erleben.



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Ausgabe 5  2011
Autor/in Konrad Tobler
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