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Besprechung
5.2011


Brita Polzer :  Kunst ist an vielen Orten anzutreffen, wobei gerade der öffentliche Raum für Künstler/innen und Kuratoren, für Vermittler und Publikum zahlreiche Herausforderungen bereithält. So vielfältig die Projekte, so unterschiedlich auch die Motivationen, zeitgenössische Kunst in neue Kontexte zu bringen.


: Martin Blum, ‹Froh Ussicht›


  
Mia Marfurt · Heavy Cloud, 2008


Bei guter Verbindung erreicht man den Betrieb der Familie Blum in einer halben Stunde Fahrzeit ab Zürich HB. Der Bauernhof liegt auf einer Anhöhe, der See ist in Sichtweite, ebenso die Gipfel der Glarner Alpen und das städtische Ballungszentrum - die Autobahn durchschneidet die Landschaft. Dazwischen Häuser, Siedlungen, Sportplätze und Shoppingcenter, hie und da die Andeutung eines Dorfkerns. Vor drei Jahren startete Martin Blum hier die ‹Froh Ussicht› und initiiert seitdem jährlich ein bis zwei temporäre künstlerische Interventionen inmitten der landwirtschaftlichen Nutzungszone. Mit den durchaus nicht alltäglichen Rahmenbedingungen eröffnet Blum, selbst Künstler und Landwirt, den eingeladenen Künstler/innen ein Experimentierfeld für Arbeiten, die Fragen nach dem dialektischen Verhältnis von Natur und Kultur und dem (Selbst-)Verständnis von Kunst aufwerfen. Während Werke wie Mia Marfurts ‹Heavy Cloud› oder die direkt in die Wiese eingelassene, spiegelnde ‹Metalltüre› von Dunja Herzog bereits von den Feldwegen aus sichtbar sind, wollen andere richtiggehend entdeckt werden: So spielt Ursula Pallas ‹Arrangement für Exoten› explizit mit dem Trompe l'oeuil, die weissen, scheinbar mit dem Baum verwachsenen Halbkugeln changieren zwischen künstlicher Applikation und organischer Wucherung. Und auch ‹Radix› von Oppy de Bernardo & Aldo Mozzini, der jüngste Zuwachs auf dem Areal, inszeniert das Betrachten von Kunst als Erkundung, die vor dem Blick unter die Erde nicht haltmacht.
Dass Kunst und Landwirtschaft hier so unprätentiös und doch spannungsvoll koexistieren, liegt wesentlich in der Person Martin Blums begründet. Als Teil des Künstlerduos ganzblum entwickelt(e) er selbst Projekte im Aussenraum, die - wie das illegale Hühnergehege am Basler Rheinufer, 2004, oder aktuell ab Mai die ‹Leihgabe› auf dem Max-Bill-Platz in Zürich-Oerlikon - die Parameter des öffentlichen Raums und gewohnte Wahrnehmungsmuster infrage stellen. Ausserdem sind künstlerische Produktion und Agrikultur für ihn durchaus verwandte Felder: der Umgang mit dem Raum, das Hinterfragen der Produktionsbedingungen, Qualitätsbewusstsein und nicht zuletzt auch eine gewisse Abhängigkeit von einer staatlichen Subventionspolitik. Eigenwillig und zugleich pragmatisch spricht Blums Projekt verschiedenste Publika an, es setzt auf das Potenzial der Kunst, Sichtweisen zu verschieben, zu irritieren - auch wenn das im Vorbeifahren auf dem Traktor passiert.



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Ausgabe 5  2011
Ausstellungen huber.huber, Aldo Mozzini, Bernardo de Oppy [27.03.11-31.12.11]
Institutionen Froh Ussicht [Samstagern/Schweiz]
Autor/in Brita Polzer
Künstler/in Aldo Mozzini
Künstler/in huber.huber
Künstler/in Oppy De Bernardo
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