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5.2011




Paris : Philippe Decrauzat


von: J. Emil Sennewald

  
links: Philippe Decrauzat · Anisotropy, On Cover, 2011, Wandgemälde, Ausstellungsansicht Frac Ile-de-France. Foto: Martin Argyroglo
rechts: Philippe Decrauzat · Anisotropy, Ohne Titel, 2011, Acryl auf Leinwand, Ausstellungsansicht Frac Ile-de-France. Foto: Martin Argyroglo


Ein grosses Emblem empfängt den Besucher des Kunstzentrums: zwei sich kreuzende Vs, aus schmalen, in dunklem Grün gestrichenen Leinwänden. Unweigerlich denkt man ans Logo einer bekannten deutschen Automarke - «vorschnell, wie man nach dem Besuch der Ausstellung hoffentlich merken wird», erklärt Decrauzat. Ihm gehe es um die Präsenz einer zum Zeichen transformierten malerischen Form. Damit ist das Thema der Solo-Schau gegeben, die in immer neuen Wendungen erkundet, wie Muster Sinn schaffen können und in Formen Bedeutung eindringt. «Ich wollte ein visuelles Dröhnen erzeugen, den Betrachter in die Raum-Erzeugung mit einbeziehen», erläutert Decrauzat in Bezug auf ‹Slow Motion›, eine Doppelreihe von Streifen-Leinwänden, deren heller werdender Verlauf den optischen Eindruck sich ausbreitenden Nebels erzeugt. Schon die Wandmalerei ‹On cover› im ersten Saal bereitete das Auge vor: eine verwickelte Moirée, vergrösserte Schwarz-Weiss-Kopie des Titelbilds der Zeitschrift ‹Scientific American› von 1963, die den Besucher in einen verformten Raum aufnimmt. «Solche Fundstücke dienen mir als visuelle Partitur, die sich in jedem Raum weiter entfaltet», so Decrauzat. Mit wechselnden Medien - vom appropriierten Film-Vorspann aus Truffauts ‹Fahrenheit 451› bis zum gefundenen Modell eines absolut tonfreien Raums - dehnt der Lausanner die Malerei entlang bewegter Bilder aus. Kino und Experimentalfilm dienen ihm dafür als Ausgangsmaterial. Als Vertreter der ‹abstraction étendue› verschränkt Decrauzat optische mit akustischen Phänomenen, erzeugt Effekte der Wahrnehmungsverschiebung. Der Besucher der Ausstellung wird von den Bildern regelrecht durchdrungen. Dass er dabei durch die Faszination manipuliert wird, ist Absicht. Hier geht es nicht um Aufklärung, sondern um Verklärung der Natur des Wahrnehmens. Idealerweise führt das Staunen den Betrachter zur Erkenntnis von Funktionsweisen des Sehens. Der Ausstellungstitel ‹Anisotropy› bezeichnet eine ungleiche Brechung, beispielsweise von Ultraschallwellen, die ein Gewebe durchdringen. Je nach Blickwinkel erscheint etwas, oder es verschwindet. In diesem Sinn hat Decrauzat die Ausstellung aufgebaut. Beim Verlassen wenden wir uns zurück: Jetzt erscheinen die beiden Vs als Schema der Sehfelder von zwei Augen - nur ihrer Verschränkung, wir erinnern uns, verdanken wir das räumliche Sehen.

Bis: 15.05.2011



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Ausgabe 5  2011
Ausstellungen Philippe Decrauzat [17.03.11-15.05.11]
Institutionen Le Plateau [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Philippe Decrauzat
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