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Fokus
6.2011


 Seit über zehn Jahren arbeitet die in Genf lebende Künstlerin Mai-Thu Perret an einem Narrativ mit dem Titel ‹The Crystal Frontier›. Darin wird das Leben einer fiktiven Frauenkommune in New Mexico geschildert, die eine Existenz fernab patriarchaler und neoliberaler Strukturen führt. Anlässlich ihrer Teilnahme an der diesjährigen Venedig-Biennale und ihrer bislang grössten Einzelausstellung im Aargauer Kunsthaus spricht die Künstlerin über ihr Werk, das von Utopie, Moderne und einer Nähe zum Kunsthandwerk geprägt ist.


Mai-Thu Perret - for another World


von: Raphael Gygax

  
links: Parade, 2010, Stoff, 300 x 500 cm. Courtesy Timothy Taylor Gallery, London
rechts: Little Planetary Harmony, 2006, Holz, gehämmertes Aluminium, Acrylfarbe, Schaum, Gips, 353 x 665,5 x 365,7 cm. Courtesy Galerie Francesca Pia, Zürich, Timothy Taylor Gallery, London, und Galerie Barbara Weiss, Berlin. Foto: Tom Van Eynde


Gygax: Deine künstlerische Praxis zeichnet sich durch eine ausserordentliche Vielfalt aus: Von den Texten zu ‹The Crystal Frontier› - die den Beginn deiner künstlerischen Laufbahn markieren - über Werke mit stark handwerklichem Charakter aus Keramik, Papiermaché oder Tapeten bis hin zu transdisziplinären Film- und Tanzprojekten. Lange Zeit standen die Arbeiten in einem direkten Bezug zu einem sich laufend ausdehnenden erzählerischen Gewebe, während sich die Werke jetzt mehr und mehr von diesen textlichen Vorgaben entfernen.

Perret: Es ist wahr, dass sich in den letzten Jahren die Beziehung zwischen dem Narrativ ‹The Crystal Frontier› und meinen Arbeiten aufgeweicht hat und sich diese langsam davon weg bewegen. Dennoch speist diese Geschichte nach wie vor alles, was ich tue. Das Narrativ hat sich einfach von dem Vorder- in den Hintergrund verschoben. Auch behandle ich immer noch dieselben Themen - nur aus einem anderen Blickwinkel: Die Fragen umkreisen die Kommune, Frauenarbeit, Modernität, den Einfluss politischer Systeme auf das Leben des Individuums. Auch in meiner kürzlich entstandenen Videoskulptur ‹Space-Time Rhythm Modulation (The Most Difficult Love)›, 2010, zeigen sich diese Themen: Die Arbeit verflicht zwei Geschichten, eine, die auf dem mittlerweile kanonischen Roman ‹Wir›, 1920, von Yevgeny Zamyatin basiert, sowie eine zweite, die sich auf die Biografie der russisch-polnischen konstruktivistischen Künstlerin Katarzyna Kobro und deren Mann Wladislaw Strzeminsky bezieht.

Gygax: Welche Funktion haben die Texte? Sind sie Rückgrat? Prothetische Hilfe für dich - oder gar für die Betrachtenden? Oder Ausgangspunkt für Fragestellungen rund um den Modernismus - also schon fast Quellenmaterial, das stets erneut eingesetzt werden kann?

Perret: Ich würde allem zustimmen. Indem ich das Narrativ als eine Serie von Fragmenten anlege, kann ich das Ende offen lassen oder analog meiner sich verändernden Interessen laufend transformieren. Lange Zeit schrieb ich auf verschiedenen Quellen basierende Texte, so beispielsweise indem ich auf feministische Literatur oder Ich-Erzählungen aus Kommunen zurückgriff, beziehungweise auf Nachahmungen davon. Erst relativ spät, 2006, fügte ich den bereits existierenden Text, ‹Letter Home (A.R.)›, mit ganz wenigen Anpassungen in mein Narrativ ein.1

Ein Verlangen nach dem Bekannten und dem Kommenden


Gygax: In deiner Ausstellung in der Galerie Francesca Pia, 2009/10, hast du mehreren deiner Texte eine Serie von kleinen geometrischen Malereien auf Sperrholz gegenübergestellt. Obwohl die Texte wiederum aus ‹The Crystal Frontier› stammten, bezogen sich die beiden Werkgruppen nicht direkt aufeinander, sondern verhandelten auf einer Metaebene verwandte Themen in unterschiedlichen Sprachen.

Perret: Genau das war das Konzept: Ich wollte eine Ausstellung mit diesen für mich neuen und aussergewöhnlichen Malereien konzipieren und gleichzeitig auch für die Textarbeiten einen neuen Raum eröffnen. Das Konzept war sehr formalistisch: Gedrucktes gegen Gemaltes, Zeichen gegen Symbol, Glänzendes gegen Mattes. Die Texte sind nur Fragmente, die durch ihre Verbindung, ihre Hängung und unsere Schlussfolgerungen eine gemeinsame Autorschaft erhalten. Die Malereien weisen auch auf eine Sprache hin: Es sind Diagramme, Pfeile, vergangene Geschichten - vielleicht eine Art Stimme, wie sie auch in den Texten vorkommt.

Gygax:
Mir erscheint interessant, dass sich dein Schreiben auf formaler Ebene durch postmodernistische Charakteristika auszeichnet, während es inhaltlich modernistische Ideen aufnimmt. Im Gegenzug zeichnen sich die daraus entstehenden skulpturalen Arbeiten auf ästhetischer Ebene durch einen kunsthandwerklichen Charakter aus, weisen also auf Ideen modernistischer Produktionsverfahren aus dem Umkreis des Werkbundes und der Neuen Sachlichkeit hin. Wie siehst du dieses Spannungsverhältnis Moderne/Postmoderne?

Perret: Für mich sind die Grenzen zwischen den beiden Epochen fliessend. Autoren wie Fernando Pessoa oder T. S. Eliot werden der literarischen Moderne zugezählt. Doch während Pessoa die Autorenpersona völlig auflöste, führte Eliot in seinem Meisterwerk ‹The Waste Land› die Mehrstimmigkeit und das Zitat als Stilmittel ein. Um mit Eliots Worten zu sprechen: «These fragments I have shored against my ruins.» Ich fühle mich zwar tatsächlich zu verschiedenen modernistischen Kunstströmungen wie Konstruktivismus, Arts-&-Crafts-Bewegung, Wiener Secession hingezogen. Aber dann gibt es auch wieder diese Brüche: Mein gigantischer Teekrug, ‹Little Planetary Harmony›, 2006, der als Galerie funktioniert, ist mehr von Robert Venturi und Denise Scott Brown inspiriert als vom Bauhaus. Es gibt sicher eine Spannung zwischen den Vorstellungen einer weissen Tafel, der Tabula rasa, einerseits - sowie dem unendlichen Fundus an Formen und Bedeutungen andererseits. Ich denke, es hat etwas mit «Zeit» zu tun: Ein zeitgleiches Verlangen nach dem Bekannten und dem Kommenden.

Das Leben als Addiermaschine


Gygax: Was wird in ‹The Adding Machine› im Aargauer Kunsthaus zu sehen sein? Mit dem Titel verweist du auf William S. Burroughs, eine Schlüsselfigur der literarischen Postmoderne, und seine literarische «Cut-up»-Technik...

Perret: In Aarau wird eine Übersichtsausstellung mit Arbeiten aus den letzten vier, fünf Jahren sowie einigen neuen Werken präsentiert. Sie ist aber nicht als chronolo­gische oder als zusammenfassende Schau zu lesen. Es werden Teekrüge, bemalte Teppiche, Keramiken, Filme, eine Rekonstruktion eines Tischs aus Beton des italienischen Designers Enzo Mari sowie Neon-Arbeiten und Textfragmente gezeigt. Es ist keine Ausstellung, die nach einem übergeordneten Konzept erarbeitet wurde - deshalb finde ich auch den Titel ‹The Adding Machine› so passend. Das Leben ist so eine Art Addiermaschine - du machst dieses und jenes, Dinge addieren sich und bilden irgendwie ein Ganzes. Das ist wahrscheinlich das Komischste daran. Ich ­wünsche mir oft, dass es nicht so wäre, aber man kann der Sinnstiftung nicht entfliehen. Ich denke, das hat uns Burroughs auf intelligente Weise mit seiner «Cut-up»-Methode vor Augen geführt.

Gygax: Ein weiteres kürzlich abgeschlossenes Projekt ist das Tanzprojekt ‹Love Letters in Ancient Brick›, 2011, das im April in Genf uraufgeführt wurde. In welchem Bezug steht dieses zu deinem Gesamtwerk?

Perret:
Dies war ein lange gehegtes Projekt. Ich habe bereits früher mit Tänzern gearbeitet - so in ‹An Evening of the Book›, 2007 - und viele meiner Arbeiten haben ein vielschichtiges Verhältnis zur Bewegung, obwohl sich diese oft nur durch ihre Abwesenheit einschreibt: beispielsweise bei skulpturalen Arbeiten, Props oder Bühnenelementen. In gewisser Weise ist jede Skulptur eine kleine Bühne, die darauf wartet, vom Körper des Betrachters, der sich durchs Museum «schleppt», aktiviert zu werden. Aber dieses Mal wollte ich wirklich etwas für die Theaterbühne realisieren und zudem mit einer Choreografin zusammenarbeiten. Das Stück basiert auf dem Comic-Buch ‹Krazy Kat› von George Herriman aus den Zwanzigerjahren, ein grossartiger Klassiker der Moderne, nicht weit vom Konstruktivismus entfernt. Mich interessieren die Übersetzungen - von bildender Kunst zu Tanz, von einem Blatt Papier zur Bühne, von 2-D zu 3-D, von Tinte zur Verkörperung.
Eine meiner Arbeitsweisen ist, Formen, im Sinne von Lösungen, aus Situationen, man könnte sie auch als Probleme bezeichnen, abzuleiten. Ich setze mir eine gewisse Anzahl an Parametern und versuche dann, innerhalb dieser die unterschiedlichen Formen zu entwickeln. Es geht mir um Grenzen, die zu einem generativen Mechanismus werden. Das Stück entstand in Zusammenarbeit mit der Choreografin Laurence Yadi, mit deren Arbeit mich eine gewisse Affinität verbindet. Gleichzeitig war mir das Medium auch sehr fremd, zumal der Tanz mit seiner Routine und seinen eigenen Ritualen eine sehr spezialisierte Disziplin ist. Bei diesem Projekt ging es mir einerseits um die Erfahrung einer Zusammenarbeit, andererseits war es auch wie das Erlernen einer Fremdsprache. Das ist wie ein wiederkehrendes Element in meiner Arbeit. Wie machst du etwas, was du vorher noch nie gemacht hast? Vielleicht ist dies für mich eine Art und Weise, Dringlichkeit und Verlangen zu produzieren.

Raphael Gygax ist Kunsthistoriker und Kurator, seit 2003 arbeitet er am migros museum für gegenwartskunst, Zürich.


Bis: 31.07.2011


Mai-Thu Perret (*1976, Genf) lebt in Genf und New York

2002-2003 Whitney Independent Study Program, Whitney Museum of American Art, New York
1997 BA (Hons) Cambridge University

Preise (aktuell)
2010 Preisträgerin des mit CHF 80'000 dotierten ‹Zurich Art Prize›
2010 Video Art Prize, IDHEAP Lausanne
2011 Manor Art Prize, Genf

Einzelausstellungen (seit 2007)
2007 ‹Land of Crystal›, Bonnefanten Museum, Maastricht (Kat.); ‹Das Kunstwerk und sein Ort›,
Projekt im Aussenraum, Amden; ‹Crab Nebula›, Galerie Francesca Pia, Zurich
2008 ‹New Work›, San Francisco Museum of Modern Art, San Francisco (Kat.); Timothy Taylor
Gallery, London; ‹Bikini›, Galerie Barbara Weiss, Berlin; ‹Land of Crystal›, Kunsthalle Sankt Gallen,
St. Gallen (Kat.); ‹An Evening of the Book and Other Stories›, The Kitchen, New York
2009 ‹2013›, The Aspen Art Museum, Aspen; ‹The Crack-Up›, Galerie Praz-Delavallade, Paris;
‹Beginnings, Middles, And Ends›, Christine König Galerie, Wien
2010 ‹An Ideal for Living›, University of Michigan Museum of Art, Ann Arbor; ‹Parade›,
Timothy Taylor Gallery, London; ‹Flag›, Swiss Institute, New York
2011 ‹Octopus›, Hard Hat, Geneva; ‹Love Letters in Ancient Brick›, Théâtre de l'Usine, Genf;

‹The Adding Machine›, Kunsthaus Aarau, Aarau (anschliessend Le Magasin, Grenoble);
‹Zurich Art Prize›, Haus Konstruktiv, Zürich (folgt); Manor Art Prize, Mamco, Genf (folgt);
‹Migraine›, David Kordansky Gallery, Los Angeles (folgt)
- Mai-Thu Perret, ‹The Adding Machine›, Aargauer Kunsthaus, Sonntagsbrunch, Lecture Performance von Mai-Thu Perret mit Gesang von Tamara Barnett-Herrin, 12.6., 11/12 Uhr, Künstlergespräch mit Madeleine Schuppli, 13.15 Uhr (Anmeldung bis 7.6.)
- ‹Artist Talk›, Mai-Thu Perret mit Madeleine Schuppli, Art Salon, Halle 1, Art Basel, 16.6., 18 Uhr
- Mai-Thu Perret ‹Zurich Art Prize 2010›, Haus Konstruktiv Zürich, 26.8.-23.10.



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Ausgabe 6  2011
Ausstellungen Mai-Thu Perret, Augustin Rebetez, Christian Rothacher [14.05.11-31.07.11]
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Institutionen Aargauer Kunsthaus [Aarau/Schweiz]
Autor/in Raphael Gygax
Künstler/in Mai-Thu Perret
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