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Fokus
6.2011


 Nicht erst seit dem Wahlsieg der Grünen in der Schweiz und in Deutschland ist Ökologie ein Topthema. Biofood ist heute Lifestyle, und die Frage, ob Flugreise oder Bahn angebrachter sei, beschäftigt nicht mehr nur Ökofundis. Parallel dazu haben vier grössere Kunsthäuser das Thema aufgegriffen. Einer der involvierten Künstler, Andreas Zybach, verbindet in seinen Objekten und laborähnlichen Versuchsanordnungen Technik und Kunst zu absurden Maschinen und kommentiert so ironisch den Glauben an den Fortschritt und die Nachhaltigkeit.


Andreas Zybach - Technik in der Endlosschlaufe


von: Pablo Müller

  
links: Untitled #1, 2011, Chromstahl, Elektropumpe, Luftballone. Courtesy Johann König. Foto: Roman März
rechts: Rotating Space, 2004-2009, Chromstahl, Elektroantrieb, Pflanzensamen, Erde, Wasser, 215 x 165 x 315 cm. Courtesy Galerie Johann König, Berlin


«Plant a Tree» ist eine Kampagne des multinationalen Möbelkonzerns IKEA. Jeder kann mitmachen. Spende einen Dollar, wenn du bei IKEA einkaufst, und das Unternehmen pflanzt für dich einen Baum und leistet so einen Beitrag gegen den CO2-Ausstoss und den Klimawandel. Etwas kaufen und damit die Welt verändern machen auch andere Firmen zum Motto. Shell zahlt Tree Canada 235'000 Dollar für 120'000 Bäume in Kanada, und die vor allem bei Snowboardern und Surfern beliebte Sportsware-Marke Etnies wirbt mit dem Slogan «Buy a shoe, plant a tree» für ein Aufforstungsprogramm im Regenwald von Costa Rica. Dies sind nur einige der Projekte, die Andreas Zybach unter den Stichworten Tree und CO2 bei Google gefunden und zu einem Plakat zusammengestellt hat, das in der Ausstellung bei der Galerie Johann König in Berlin zum Mitnehmen auslag.

Buy a shoe, plant a tree
Nachhaltigkeit und Ökologie sind heute beliebte Verkaufsargumente und ein wichtiger Teil von Marketingstrategien. Suggeriert wird dabei, dass durch den Kauf des jeweiligen Produktes die CO2-Bilanz verbessert wird und so jeder durch Konsum einen Beitrag für eine nachhaltige Zukunft leisten kann. Der Baum dient dabei als besonders eindringliches und symbolträchtiges Emblem und steht für Natürlichkeit, Leben und Wachstum. Die beschriebene Google-Collage in Plakatformat von Andreas Zybach ist in der Ausstellung bei Johann König umgeben von elektronisch gesteuerten, aus Ventilen, Metallrohren und Luftballons bestehenden, laut zischenden Skulpturen. Diese formal an Bäume erinnernden Strukturen sind mit einem Kompressor verbunden, der dem Raum Luft entzieht und den Baumobjekten zuführt. An den Astenden sind Ballone befestigt, die sich durch die eingepumpte Luft so lange ausdehnen, bis sie schliesslich zerplatzen. Nach dem Knall verteilt sich die Luft wieder im Ausstellungsraum, und das Ganze kann von vorne beginnen. Ein absurdes System. Die Bäume, die eigentlich CO2 speichern und Sauerstoff an die Atmosphäre abgeben, werden zu passiven Transmittern. Ein Kreislauf ohne Veränderung, ohne Entwicklung, wie Zybach erläutert: «Es handelt sich dabei um ein ähnliches System wie das, was auf dem Plakat beschrieben wird. Man kauft ein Auto, und die Firma verpflichtet sich, für die ersten 60'000 Kilometer CO2 speichernde Bäume zu kaufen. Das wird als eine Lösung präsentiert, die CO2-Bilanz auszugleichen. Das ist aber nur eine Scheinlösung.»

Zerfallende Utopien
Dem Thema Fortschritt und Nachhaltigkeit widmet sich auch das Ausstellungsprojekt ‹Über die Metapher des Wachstums›, eine Kooperation des Kunstvereins Hannover, des Frankfurter Kunstvereins und des Kunsthaus Baselland. Im Rahmen dieser Schau montiert Zybach im Kunsthaus Baselland einen Aktenschredder im Ausstellungsraum, der, statt die ihm zugeführten Informationen bis zur Unkenntlichkeit zu zerkleinern, diese multipliziert, indem er den vertikal auf das Blatt gedruckten Text in Papierstreifen zerteilt. Eine weitere Arbeit des Künstlers, ‹Rotating Space›, 2004-2009, ist im Kunstverein Hannover zu sehen. Dieses in der Form an einen riesigen Donut erinnernde Objekt, angetrieben durch einen Motor, dreht sich unablässig. Die Idee zu diesem Rotationsobjekt stammt von Plänen der NASA. Die Raumfahrtforschung versuchte eine ringförmige Architektur zu entwerfen, welche durch ständige Rotation in ihrem Innern eine künstliche Schwerkraft erzeugt und so Lebensbedingungen wie auf der Erde schafft. Zybach verwirklichte dieses Mitte der Siebzigerjahre aufgegebene Vorhaben in einer eigenen Versuchsanordnung. Mit Samen untermischte Erde haftet dank der Rotation rundum im Innern des Radkranzes. Fiele der Strom aus, würde der Humus zu Boden fallen. Die heute utopisch anmutende Vision eines künstlich geschaffenen Lebensraums im All und den damit verbundenen unerschütterlichen Glauben an die Technik holt Andreas Zybach in ‹Rotating Space› zurück auf die Erde und deutet sie als ein labiles Konstrukt, das in sich zusammenfällt, sobald die Energiezufuhr von aussen unterbrochen wird.

Maschinenkunst ohne Nachhaltigkeit

«In der Technik werden teilweise Entscheidungen mit politischer Bedeutung gefällt, ohne dass es dabei einen demokratischen Zugang gibt. Wir sind dann damit konfrontiert, und es hat einen Einfluss auf einen selber und auf die Gesellschaft. Und diesem Umstand möchte ich nachgehen.» So erläutert Andreas Zybach die Motivation für seine Maschinenkunst. Die Anordnungen, die Zybach konstruiert, beziehen oft auch die Betrachter/innen mit ein. So beim ersten grossen Auftritt in der Schweiz 2007 anlässlich der Ausstellung zum Manor Kunstpreis im Kunsthaus Aargau. Die Besucher/innen mussten, wollten sie die Ausstellung sehen, einen mit Seide umschlossenen Tunnel durchschreiten. Die durch das Betreten der Architektur entstehende Bewegungsenergie wird auf Pumpen übertragen, die über ein Schlauchsystem Farbe transportieren und schliesslich an die Wand abgeben. Ohne es zu wissen, wird der Besucher zum Generator und produziert mittels einer Skulptur oder Architektur ein Bild. Wir sind - oft ohne es zu wissen - eingebunden in technische Apparate, und meist liegt, was dabei herauskommt, nicht in unserer Hand. Etablierte und sich entwickelnde Machtverhältnisse, geschaffen durch Technik und den Fortschritt, werden von Andreas Zybach in seinen Projekten kritisch hinterfragt. Seine Anordnungen sind dabei keine Lösungsvorschläge, und selbst die Hoffnung auf die Kunst als Innovationskraft in diesen Kommentaren wird zwangsläufig enttäuscht.

Pablo Müller, freier Kunstkritiker, lebt in Berlin und Zürich.


Bis: 10.07.2011


Andreas Zybach (*1975, Olten) lebt in Berlin

1991/92 Vorkurs, Hochschule für Gestaltung, Zürich
1992-1996 Grafik-Fachklasse, Hochschule für Gestaltung, Zürich
1999-2003 Städelschule, Hochschule für Bildende Künste, Frankfurt/M
Einzelausstellungen

2003 ‹Repetition of things to come›, Johann König, Berlin
2007 ‹Manor-Kunstpreis - 0-6,5 PS›, Aargauer Kunsthaus, Aarau
2011 Johann König, Berlin

Gruppenausstellungen
2003 ‹Total motiviert›, Kunstverein, München
2006/05 ‹ArchiSkulptur›, Kunstmuseum, Wolfsburg / Guggenheim Museum, Bilbao
2007/08 ‹Kunstmaschinen Maschinenkunst›, Museum Tinguely, Basel / Schirn Kunsthalle,
Frankfurt/M; International project series, P.S.1 MoMA, New York
- ‹Über die Metapher des Wachstums›, Kunsthaus Baselland, bis 10.7., Kunstverein Hannover, bis 26.6.,Frankfurter Kunstverein, 27.5.-31.7. (- S . 84)
- Andreas Zybach, Bonner Kunstverein, bis 3.7.
- ‹Ars Viva. Labor>, mit Nina Canell, Klara Hobza, Markus Zimmermann und Andreas Zybach, ­Kunstmuseum Stuttgart,18.6.-23.10.



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Ausgabe 6  2011
Ausstellungen Andreas Zybach [07.05.11-03.07.11]
Institutionen Bonner Kunstverein [Bonn/Deutschland]
Institutionen Kunstmuseum Stuttgart [Stuttgart/Deutschland]
Institutionen Kunsthaus Baselland [Basel/Muttenz/Schweiz]
Institutionen Frankfurter Kunstverein [Frankfurt/M/Deutschland]
Autor/in Pablo Müller
Künstler/in Andreas Zybach
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