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Fokus
6.2011


 Eine Sammlung, klar links orientiert: Francis Alÿs kauft seit zwan­zig Jahren sämtliche Bildnisse der immer nach links schauenden Heiligen Fabiola, die er findet. Auf Einladung des Schaulagers hat der Belgier seine Fabiolas nun in einem Basler Stadtpalais einquartiert.


Francis Alÿs - Fabiola


von: Daniel Morgenthaler

  
links: Fabiola, 2011, Ausstellungsansicht, Schaulager im Haus zum Kirschgarten. Foto: Tom Bisig
rechts: Fabiola, 2011, Ausstellungsansicht, Schaulager im Haus zum Kirschgarten. Foto: Tom Bisig


Der Dresscode ist strikt: Ohne rotes Kopftuch kommt niemand in die Gemäldesammlung von Francis Alÿs (*1959). Daneben muss die Porträtierte devot nach links schauen, weiblich sein und weiss. Hingegen muss sie nicht zwingend schön sein, denn der in Mexico City lebende Belgier Alÿs nimmt auch weniger meisterhaft gemalte Fabiolas in seinen kontinuierlich wachsenden Bestand auf. Die elitäre Figurenauswahl bei gleichzeitig basisdemokratischem Umgang mit malerischer Qualität macht Alÿs' Fabiola-Konglomerat einerseits zur Parodie einer Kunstsammlung. Denn welcher andere Freak würde schon 370-mal dasselbe Bildnis nebeneinanderstellen, ungeachtet des Pinselschwungs, des Werts eines Gemäldes oder seiner ­Materialität? Ein ­Fabiola-Bild wurde sogar aus Bohnen nachgelegt. Zumal Alÿs das eigentliche Original - die ‹Fabiola› des französischen Realisten Jean-Jacques Henner - nicht zu seinem Portfolio zählen kann, da es verschollen ist.
Henner hatte die römische Adlige aus dem vierten Jahrhundert nach Christus, die sich nach einer Scheidung derart motiviert um Vergebung bemühte, dass ihre Exkommunikation rückgängig gemacht wurde und sie zur Schutzheiligen der Geschiedenen und Betrogenen avancierte, 1885 gemalt und vier Jahre später in der Pariser Weltausstellung gezeigt.
Andererseits stellt die Fabiola-Kollektion auch die Urform einer Kunstsammlung dar: Wie jede Sammlerin, jeder Sammler schaltet Alÿs gewisse Parameter gleich, um Kohärenz herzustellen. Während aber für andere nur Werke einer gewissen Künstlergruppe, einer Epoche oder von bestimmtem geografischen Ursprung in Frage kommen - wobei oft die Ausnahme den restlichen Werken zusätzliche Kontur verleiht -
beschränkt sich der Belgier auf ein Motiv. Und erst noch eins, das bei den Profis der Kunstgeschichte wenig Aufmerksamkeit fand. «Ich sammle sonst keine Kunst. Meine einzige andere Sammlung besteht aus historischen Strassenschnappschüssen von Menschen in Mexico City», erklärt Alÿs.
Während ihn bei diesen Fotos die Rückschlüsse auf die Entwicklung der Stadt im Hintergrund interessieren, lassen sich durch die bewusste Einschränkung auf ein Vor-Bild noch ganz andere Vergleiche ziehen. Nur schon anhand der Falte im Kopftuch der Schutzheiligen: Während diese bei einigen Bildern der Sammlung den Stoff der Kopfbedeckung wertvoll wallend erscheinen lässt, verselbständigt sie sich in anderen Beispielen und macht das Kopftuch zum pickelharten Helm. Dadurch, dass Fabiola jeweils im Profil abgebildet ist, lassen sich auch ihre Gesichtszüge ideal vergleichen: Von abgrundtief grimmig über kreidebleich bis erhaben selig nimmt sie in Alÿs' Sammlung fast jeden beliebigen Gemütszustand an.
Doch für Alÿs liegt genau in dieser gleichgeschalteten Unterschiedlichkeit ein zentraler Reiz der Sammlung: «Es scheint, als ob es bei diesem Bild dazugehört, dass es die Besitzerin, der Besitzer eigenhändig abmalt - mit all den Konsequenzen, die das für die Qualität der einzelnen Bildnisse hat. Das Abmalen funktioniert wie ein Ritual», führt Alÿs aus. Ein Gebet, bei dem die Hände nicht gefaltet sind, sondern schwungvoll über die Leinwand - oder den Karton oder das Holzbrettchen - sausen, statt mit Weihrauch mit Farbgeruch in der Nase? Oder vielleicht diente und dient Fabiola auch einem kleinen Kreis von Katholiken einfach als Poster Girl, wie es Che Guevara für Hobby-Kommunisten tat?

Bilder wie ein Virus

Jedenfalls entfaltet dieses malerische Mantra seine Wirkung erst im Zusammenspiel der fast 400 Werke. Auf Einladung des Basler Schaulagers, das dieses und nächstes Jahr - unter anderem wegen baulicher Massnahmen - keine Ausstellung in den eigenen Räumen in Münchenstein durchführt, hat Alÿs nun in Basel eine Bleibe auf Zeit für seine Fabiolas gesucht. Einquartiert wurden die Werke schliesslich im Haus zum Kirschgarten, einer bürgerlichen Architekturikone, die seit 1951 als Wohnmuseum dient. «Die Sammlung erlaubt mir einerseits, Fragen nach Besitztum oder dem Wesen einer Sammlung zu stellen; sie ist aber auch ein effektives Mittel, um mit dem Publikum eines bestimmten Ortes in Kontakt zu treten», so Alÿs. In Basel bedeutet das auch, dass die Kunstkundschaft von ihren ausgetretenen Pfaden abkommt und auch einmal das Wohmuseum besucht.
Während etwa in der Londoner National Portrait Gallery 2009 - einer von bislang sechs Stationen der Sammlung - noch sämtliche Fabiolas in zwei Räume gequetscht wurden, sind sie im Haus zum Kirschgarten auf mehr als 50 Zimmer verteilt. Während man sich also in London kaum vor rotbetuchten Heiligen retten konnte, muss man sie in Basel teilweise fast suchen - «Wo ist Walter» für Erwachsene sozusagen. «Die Fabiolas kontaminieren oder infizieren in diesem Fall fast unmerklich die bestehende Sammlung, wie ein Virus, der sich stetig vermehrt», meint Alÿs. In London waren die Bildmasern noch voll ausgebrochen. Wie bei einer richtigen Krankheit war das zwar nicht unbedingt angenehmer, hinterliess aber definitiv den bleibenderen Eindruck.
Daniel Morgenthaler (*1978), freischaffender Kunstjournalist, lebt in Zürich.

Bis: 28.08.2011



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Ausgabe 6  2011
Institutionen Haus zum Kirschgarten [Basel/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
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