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Fokus
6.2011


 Die Kunsthalle ist in Winterthur neben den grossen Institutionen ein Zwerg. Doch eine «Stadt der Museen» kommt kaum ohne eine Adresse für zeitgenössische Kunst aus und so ist die Kunsthalle im lokalen musealen Portfolio ein wichtiger und akzeptierter Bestandteil. Doch wer unterstützt die Kunsthalle nebst der Stadt? Oliver Kielmayer im Gespräch mit Oliver Kielmayer


Förderpolitik - Verlust der Mitte?


von: Oliver Kielmayer

  
Oliver Kielmayer. Foto: Joëlle Menzi


Oliver Kielmayer: Der VSIZK/Verein Schweizer Institutionen für zeitgenössische Kunst1 beklagte sich in seiner Vernehmlassung zur Kulturbotschaft über den Weg­fall der Preise für Kunsträume; sie kommen weder im neuen Pflichtenheft des Bundesamtes für Kultur noch der Pro Helvetia vor. Braucht es im «Zustand der Erfüllung» (- Pius Knüsel, Tages-Anzeiger, 23.2.2011, S.26) diese Unterstützung von kleineren Institutionen nicht mehr?

Oliver Kielmayer:
Im Gegenteil. Viele kleinere Institutionen für zeitgenössische Kunst ver­wenden ihre bescheidenen Mittel mit einem enormen Wirkungsgrad; man bekommt ausgesprochen viel fürs Geld! Gleichzeitig gibt es sehr wenige Stiftungen, die ein Jahresprogramm unterstützen; man muss das notwendige Geld mittels unzähliger Gesuche über einzelne Projektbeiträge zusammensuchen. In der Kunsthalle
Winterthur machen garantierte Subventionen nicht einmal die Hälfte des Jahresbudgets aus.

O.K.: Vertraut man denn den Häusern nicht mehr? Ihnen einen Beitrag zu geben und es ihnen zu überlassen, wie sie diesen ausgeben, wäre ja viel effizienter!

O.K.: Private Stiftungen haben ihren jeweils eigenen Stiftungszweck; das muss man respektieren. Öffentliche Gelder hätten im Prinzip mehr Spielraum, doch sie werden mittlerweile immer häufiger mit inhaltlichen Interessen jeglicher Couleur verknüpft; als Folge daraus geht die Kulturpolitik dann häufig an der Realität des Kulturschaffens vollkommen vorbei. In Zürich beschloss der Kantonsrat 2008, Überschüsse aus dem Lotteriefonds in Form von wiederkehrenden Betriebsbeiträgen auszuschütten. Allerdings nur an Institutionen ausserhalb der Städte Zürich und Winterthur. Dabei blendete man offenbar aus, dass es auch in diesen beiden Städten regionale und lokale Dynamiken gibt, und ausserdem, dass sich zeitgenössische Kunst in einem urbanen Kontext am wohlsten fühlt.

O.K.: Ich höre da eine gewisse Unzufriedenheit. Erhält die Kunsthalle denn keine Subventionen vom Kanton?

O.K.: Nein, wir fallen durch ein Raster aus Entscheidungen, die mit der Frage, was förderungswürdig sei, gar nichts mehr zu tun haben. Natürlich gibt es Institutionen in Zürich und Winterthur, die Subventionen erhalten, doch diese historisch gewachsene Liste wird seit Jahren dezidiert nicht mehr erweitert. Nun erkannte man zwar die Notwendigkeit von Betriebsbeiträgen, doch eliminierte man mit Kriterien wie Lokalität und Regionalität sogleich unsere Zugangsberechtigung.

O.K.:
In demselben Kantonsratsbeschluss finden sich auch Beiträge an einzelne grosse Institutionen, und siehe da, als Beispiel werden die Zürcher Festspiele genannt! Also offenbar gibt es neben der Förderung lokalen Kunstschaffens doch auch das Interesse, gewisse grössere Initiativen zu unterstützen.

O.K.: Das Lieblingswort der Kulturförderung ist momentan der kulturelle Leuchtturm; dieser ist quasi der Antipode zur lokalen Initiative und kann nicht gross, glamourös und teuer genug sein. Alle sprechen von Vermittlung und entwerfen gleichzeitig Konzepte der Separation, in welcher die Mitte, wo inhaltlich am meisten geschieht, keinen Platz mehr hat. Ich halte diese Ghettoisierung von high and low für gefährlich, denn sie ist das kulturpolitische Pendant zur gesellschaftlichen Schere zwischen Arm und Reich. Gleichzeitig frage ich mich, wer eigentlich eines Tages die kulturellen Leuchttürme leiten soll.

Oliver Kielmayer ist seit 2006 künstlerischer Leiter der Kunsthalle Winterthur und gemeinsam mit Helen
Hirsch Co-Präsident des VSIZK.

1 VSIZK wurde 2010 als Zusammenschluss kleinerer und mittlerer Institutionen gegründet, um die Verbreitung, Kommunikation und Vermittlung zeitgenössischer Kunst in der Schweiz zu fördern.


Aktuell: ‹Irina Botea feat. WeAreTheArtists›, 29.5.-10.7.

In jährlich sechs Wechselausstellungen zeigt die Kunsthalle Winterthur lokale, nationale und internationale Positionen zeitgenössischer Kunst.

Durchschnittliches Jahresbugdet: CHF 150'000.
Finanzierung: Regelmässige Subventionen CHF 60'000 (Stadt Winterthur), Jahresbeiträge 18'000
(private Stiftungen), Projektbeiträge CHF 57'000 (private und öffentliche Stiftungen), Mitglieder und
Gönner CHF 15'000 (Förderverein). Besucher: 3000 - 3500 pro Jahr. Mitarbeiter: 3, Künstlerische
Leitung (Mandat), Assistenz (20%) und Aufsicht (10%).



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Ausgabe 6  2011
Autor/in Oliver Kielmayer
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