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Artists in Residence
6.2011


 Die in New York lebende Video- und Performancekünstlerin Erica Magrey (*1977) arbeitet von Januar bis Juni im Austauschatelier der iaab in Riehen. Die iaab vergibt sieben Ateliers in der Region Basel an ausländische Kunstschaffende und stellt Kunstschaffenden der Region Basel und Südbaden (DE) Gastateliers in 13 Partnerländern zur Verfügung. Die iaab wird von den beiden Basler Kantonen, von Riehen, Lörrach und Freiburg/B sowie von der Christoph Merian Stiftung (Projektleitung) getragen.


Erica Magrey - Auf der Suche nach dem goldenen Spandex


  
Erica Magrey bei der Kostümprobe in ihrem Atelier der iaab. Foto: Cat Tuong Nguyen


Jörg: Du bist von Brooklyn, New York, direkt nach Riehen gekommen. Hattest du einen Kulturschock?

Magrey:
Ich musste mich schon akklimatisieren. Wenige Tage nach meiner Ankunft ging ich an einen Anlass im Beyeler-Museum. Ich dachte mir: Cool, ich zieh mir etwas Hübsches an. Ich wählte ein bodenlanges Kostüm aus den Sechzigerjahren, nicht gerade unauffällig. Ich kam mir dann aber unmöglich deplatziert vor. Da realisierte ich, dass ich mich hier etwas mässigen muss. In New York ist es üblich, verrückte Kleider zu tragen. In Riehen scheint das anders zu sein.

Jörg: Du hast viel mit Kostümen zu tun. Für dein alter Ego ‹Metalmags›, eine junge Frau, die in deinen Videos und Performances durch Science-Fiction-Welten der Sechziger- und Siebzigerjahre wandelt, kreierst du die Kleider selber. Wie steht es mit diesen hier hängenden Stücken?

Magrey: Als ich in Basel ankam, suchte ich als Erstes Stoffläden auf, um Materialien für meine Kostüme zu kaufen. Aber die Stoffe, die ich mir vorstellte, gibt es in Basel nicht. Während meiner Suche nach goldenem Spandex wurde ich immer wieder gefragt, wozu ich denn so was brauche. Das sei doch höchstens für die Fasnacht. Auf die Fasnacht war ich dann natürlich sehr gespannt und wollte auch daran teilnehmen. Das war naheliegend, da das Verkleiden zu meiner Arbeit gehört. Als ich mich aber genauer informierte, dachte ich: Okay, vielleicht schaue ich besser einfach mal zu. Die Fasnacht scheint in Basel ja ziemlich insidermässig organisiert zu sein. Nach dem Morgenstreich glaubte ich, eine Vorstellung davon zu haben, wie die Menschen hier sind. Alles so ordentlich und geregelt! Unglaublich! Aber interessant.

Jörg:
Hat sich deine Arbeit seit deiner Ankunft hier im Januar verändert?

Magrey: Der Aufenthalt in Riehen hat meinen Umgang mit Mustern und Farben geprägt. Alles hat sich mehr dem Rostbraun der mittelalterlichen Stadt angenähert. Einige Kleider habe ich aus Leintüchern aus dem Brockenhaus genäht. Meine Arbeit enthält nun Teile von Bettbezügen, welche die Baslerinnen und Basler weggegeben haben.

Jörg:
Wieso die Kunstfigur ‹Metalmags›?

Magrey: Ich brauche diese Figur oft, um Dinge zu tun, die ich sonst nicht tun würde. Bevor ich ‹Metalmags› entwickelte, experimentierte ich mit einem anderen Alter Ego. Im Secondhandshop fand ich eine Halskette, welche die Aufschrift Lois trug. Mir gefiel der Name, und so begann ich, die Halskette zu tragen. Wenn ich mir nicht sicher war, ob ich mir zum Beispiel jenes crazy Shirt kaufen sollte, dachte ich: «Okay, Lois wird es kaufen!» So hatte ich immer eine Entschuldigung.

Jörg: Vielleicht wäre es gut, wenn wir alle ein Alter Ego hätten?

Magrey:
Ja, vielleicht.

Jörg: Welche Vorteile hat dein Alter Ego sonst noch für dich?

Magrey: Ich kann damit eine starke, inspirierende Frau verkörpern. ‹Metalmags› tauchte erstmals in einem Musikprojekt auf. Ihre visuelle Repräsentation kam dazu, als ich begann, Videos zu machen. Mit dieser Integrationsfigur kann ich alle meine Interessen unter einen Hut bringen. Musik, Tanz, Video, Modellbau, Rollenspiel, Kostüme, Geschichten und Science Fiction.

Jörg: Wieso interessieren dich Science Fiction der Siebzigerjahre?

Magrey: Es ist nicht nur die Ästhetik, die mich fasziniert, sondern auch die lebensbejahende, zukunftsgerichtete, naive Idee, dass die Technik uns alle retten könnte. Aus extraterrestrischer Perspektive scheinen die Differenzen zwischen den einzelnen Kulturen aufgehoben zu sein. Als Teil der Menschheit vereint, «lost in space» zu sein, ist schön und romantisch.

Jörg: Diese Message ist universell verständlich. Wie haben die Schweizerinnen und Schweizer auf deine Arbeit reagiert?

Magrey: Mir wurde bewusst, wie stark meine Videos auf das amerikanische Fernsehen referieren. Das Schweizer Publikum kann viele Bezüge wohl nicht herstellen, weil ihm diese Sendungen nicht geläufig sind. In der Schweiz scheint Fernsehen generell weniger populär zu sein. Zudem wissen die Leute nicht recht, wo sie die Videos einordnen sollen. Ich habe meine Arbeit auch schon an unterschiedlichen Orten gezeigt. In Galerien, als Performances, aber auch im TV. Ich liebe die Vorstellung, dass irgendjemand am Morgen um 4 Uhr im Sofa hängt und mein Musikvideo ins Wohnzimmer flimmert. So kommt auch ein kunstfernes Publikum mit meiner Arbeit in Kontakt.

Jörg: Wer wird dein nächstes Publikum sein?

Magrey: Im Sommer habe ich eine Performance in New York geplant. Ich werde dann ein Kostüm tragen, das ich in der Schweiz entwickelt habe. Die hier gefertigten Stücke sind im Vergleich zu den New Yorker Gewändern farblich weniger schrill und formal klarer. Sie erinnern eher an die Figuren von Oskar Schlemmer oder an das Bauhaus. Dieses kreisrunde Kleid zum Beispiel, aus dem nur Arme, Kopf und Beine herausragen, lässt wenig Bewegungsfreiheit zu. Durch die Begrenzung entstehen neue Bedingungen für meine Performance. Das interessiert mich. Andrina Jörg


Anlässlich des 125-Jahre-Jubiläums der Christoph Merian Stiftung tourt ein Zelt mit einer Video-Jukebox mit Werken der iaab-Künstler/innen durch Basel, 20.-26.6. und 15.-21.8.

www.iaab.ch

Dieser Beitrag erscheint mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, Schwerpunkt Schweizer Übersetzungsförderung ‹Moving Words›.

English Version



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Ausgabe 6  2011
Autor/in Andrina Jörg
Künstler/in Erica Magrey
Link http://www.iaab.ch
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