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Besprechung
6.2011


Raimar Stange :  Die früh verstorbene Evelyne Axell zählte in den Sechzigerjahren zu den wichtigsten Pop-Art-Künstlerinnen. Jetzt wird sie wiederentdeckt. Jüngst waren Arbeiten von ihr in ‹Power up Female Pop-Art› in der Wiener Kunsthalle zu sehen, nun präsentiert der Kunstverein Hamburg ihre politischen Gemälde.


Hamburg/Mönchengladbach : Evelyne Axell, ‹La Terre est ronde›


  
Evelyne Axell · Angela Davis II, 1972 © ProLitteris Zürich


Wenn Kunstgeschichte ein kritisches Gegenlesen gegenwärtiger Praxis herausfordert, dann ist sie es wert, (wieder-)entdeckt zu werden. Die auf und unter Acrylglas gemalten Bilder von Evelyne Axell (1935-1972) leisten eine solche Revision, genauer: Sie kommentieren die Identitätspolitiken im Zeichen von Crossover und Postpop seit den Neunzigern entlarvend. Dieses gelingt, weil für einmal der «soziale Ursprung von Identität» (Zygmunt Baumann) nicht ignoriert, sondern in den Fokus der Bilder gerückt wird. Deutlich wird das in den explizit politischen Gemälden Axells, die der Kunstverein Hamburg jetzt in der Ausstellung ‹La Terre est ronde› präsentiert.
Der Titel der Ausstellung spielt an auf das Bild ‹La Terre est ronde. Variation sur Le Paysage›, 1971. Das Gemälde zeigt einen nackten Frauenkörper, ein Selbstporträt, in idyllischer Landschaft auf einem Hügel liegend. Im Hintergrund thronen zwei Bäume. Doch es handelt sich hier nicht um ein plumpes Pin-up, sondern um das Bild einer Frau, die sich selbst befriedigt. Statt sich dem voyeuristischen Blick der Männer darzubieten, sprengt die Nackte mit ihrer selbstbestimmten Sexualität damalige gesellschaftliche Konventionen. Die Politisierung von Sexualität unternimmt Axell auch mit dem Bild ‹Angela Davis II›, 1972, auf dem die dunkelhäutige Bürgerrechtlerin Angela Davis als strahlend schönes Sexsymbol mit schematisch gezeichnetem «Afrolook» zu sehen ist. Unter dem Porträt sitzt auf der US-amerikanischen Flagge eine Spinne, eine Schwarze Witwe, deren Biss für den Menschen tödlich ist. Das plakative Gemälde entspinnt so ein provokantes Netz gesellschaftspolitischer Bezüge. Highlight der Ausstellung ist das Triptychon ‹Le joli Mois du Mai›, 1970, das die Revolte des Mai 1968 reflektiert. Links ist ein Porträt des visionären Kunstkritikers Pierre Restany auf Acryl gemalt, das rechte Bild zeigt wiederum ein Aktporträt der Künstlerin. Im Zentrum des Triptychons dann eine Paraphase des Bildes ‹Die Freiheit führt das Volk›, 1830, von Eugène Delacroix. An die Stelle der toten Kämpfer hat Axell ein Sit-in junger unbekleideter Hippies gesetzt - die sexuelle Befreiung wird zum Symbol für die emanzipativen Bewegungen der Sechzigerjahre.
Im Sommer dann kann im Museum Abteiberg in Mönchengladbach gesehen werden, wie sich die für die Hamburger Ausstellung ausgesuchten Werke zu dem Gesamtwerk verhalten. Dann nämlich wird eine grössere Übersichtsausstellung von Axells Werken präsentiert.

Bis: 03.10.2011



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Ausgabe 6  2011
Ausstellungen Evelyne Axell, Tal R. [09.04.11-13.06.11]
Ausstellungen Evelyne Axell [03.07.11-03.10.11]
Institutionen Kunstverein Hamburg [Hamburg/Deutschland]
Institutionen Städt. Museum am Abteiberg [Mönchengladbach/Deutschland]
Autor/in Raimar Stange
Künstler/in Evelyne Axell
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