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Besprechung
6.2011


Regina Barunke :  Ausgehend von den visuellen Vorläufern und der Musikindustrie zeigt sich das Musikvideo als überaus wandelbares und stilbildendes Medium zwischen Ökonomie, Ästhetik und Diskurs. ‹The Art of Pop Video› bietet einen sehenswerten Überblick über die Entwicklung dieses Genres als eigenständige Kunstform.


Köln : The Art of Pop Video


  
links: Masha Godovannaya · Untitled No 1, 2005, Musik: Gianluca Porcu aka Lu, Super8 auf Video, s/w, 4'
rechts: D. A. Pennebaker (Regie) · Bob Dylan, Subterranean Homesick Blues, 1967, 2.20'


Dreissig Jahre ist es her, seit MTV mit ‹Video Killed the Radio Star› sein Musikvideoprogramm in den USA startete. Inzwischen ist MTV Bezahlsender geworden, aber seine Rolle als Teil der Gegenwartskultur ist nach wie vor ungebrochen. Auch die gigantische Nachfrage auf Youtube und MyVideo bestätigt das. Die Verbindung von Musik und Kunst übt - und das vermittelt diese Ausstellung in beeindruckender Weise - eine gegenseitige Faszination und Abhängigkeit aus. Aus den über hundert Beiträgen, angefangen mit Man Rays ‹Emak Bakia›, einem Experimentalfilm der späten Zwanzigerjahre, bis zu aktuellsten Videos, entsteht ein flackerndes Kaleidoskop der Musik-, Film- und Kunstgeschichte.
Künstler und Clip-Regisseure treten in Personalunion auf, so in David LaChapelles Produktion von Amy Winehouses ‹Tears Dry on their Own›, 2007, in Pipilotti Rists Adaption von Chris Isaaks ‹Wicked Game› in ‹I'm a Victim of this Song›, 1995, oder bei Wolfgang Tillmans, der den Mäusen zwischen den Strassenbahnschienen mehr Aufmerksamkeit zugesteht als den Pet Shop Boys in ‹Home and Dry›, 2002. Dass der Kunstbegriff für das Musikvideo jedoch nicht unproblematisch ist, zeigt sich hier besonders deutlich: Im Clip ist Kunst nie Selbstzweck, sondern immer auch Hochglanzfolie für ein Produkt. Viele bekannte Namen der Filmindustrie stellen ihren bildnerischen Einfluss unter Beweis, darunter auch Wong Kar-Wai, Wim Wenders, David Fincher und Derek Jarman. Und doch sind es in diesem atemlosen Bilderkosmos die wenigen eher unbekannten und amateurhaften Film- und Tondokumente, welche die Ausstellung besonders sehenswert machen. Hierzu zählen zweifellos die Beiträge von D.A. Pennebaker, ‹Subterranean Homesick Blues› von 1967, der Bob Dylan in Begleitung von Allen Ginsberg und Bob Neuwirth in einer Gasse hinter dem Londoner Savoy Hotel zeigt, oder der Clip der russischen Experimentalfilmerin Masha Godovannaya. «While walking along Nevskiy Prospect in St. Petersburg, Russia, I saw a young girl dancing this harsh, passionate and seductive dance», so die Initiation zu ihrem 2005 auf Super8 gedrehten Kurzfilm ‹Untitled #1›.
David Bowie prophezeite in den Siebzigern: «Das Musikvideo ist die logische Erfüllung der Zusammenführung von Kunst und Technologie. Ich verstehe es als künstlerische Bereicherung. Ich sehe den Tag kommen, da an der Schnittstelle von Musik und Video ein völlig neuer Künstlertyp entsteht.» Dieser Tag war gestern.

Bis: 03.07.2011



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Ausgabe 6  2011
Ausstellungen The Art of Pop Video [09.04.11-03.07.11]
Institutionen Museum für Angewandte Kunst [Köln/Deutschland]
Autor/in Regina Barunke
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