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Besprechung
6.2011


Daniel Morgenthaler :  Vor zwei Jahren hat Nicole Bachmann von einem Schaufenster der Zürcher Perla-Mode aus die Strasse mittels einer Lampeninstallation ins Rampenlicht gerückt. Für ihre aktuelle Ausstellung am selben Ort zieht jedoch die in London und Zürich lebende Künstlerin den Vorhang.


Zürich : Nicole Bachmann, ‹Ha, around the corner of one eye›


  
Nicole Bachmann · Ha around the corner, 2011, mixed media


Nichts mit «Vorhang auf für ...». Bei Nicole Bachmanns (*1973) Ausstellung ‹Ha, around the corner of one eye› in der Perla-Mode in Zürich bleibt der Vorhang zu. Ohnehin ist nicht klar, was Bühne ist und was Zuschauerraum: Der dunkelblaue Stoff ist über die ganze Fensterfront des grossen Ausstellungsraums im Parterre gezogen. Davor, auf der berüchtigten Zürcher Langstrasse, spulen sich im Minutentakt menschliche Tragikomödien ab und wechseln Wortfetzen die Strassenseite. Wortfetzen auch hinter dem Vorhang: Zum Beispiel als grüner Siebdruck auf schwarzem Stoff, aufgespannt auf Holzrahmen und an die Säule inmitten des Raums gelehnt. «Take apart. Put it back together. Differently» heisst es da etwa, im Stakkato von Samuel Becketts berühmten Imperativen «Try again. Fail again. Fail better». Statt Milieuszenarien spielen sich hier aber eher die allzu menschlichen Tragikomödien des Sprechens, des Schreibens, des Satzbaus - aber auch des Kunstbauens ab.
«Auseinandernehmen. Wieder zusammensetzen. Anders»: Bachmann macht das in der von Stefan Wagner kuratierten Ausstellung beispielsweise mit Holzelementen, die sie winklig auf dem Boden arrangiert. Sofort werden die Bretter auch ein wenig zu den Brettern, welche die Welt bedeuten, zu einer kleinen Bühne. Darf man sie betreten, oder - vielleicht die bessere Frage - will man überhaupt? Auch der über die Wand drapierte Vorhangstoff - er ist ähnlich blau wie der, der auch die Fensterfront verdunkelt - verstärkt das Kulissenartige noch.
Ausser demjenigen des Betrachters selbst wird hier aber kein Körper auftreten. Einzig eine Stimme tönt aus einem Lautsprecher - ein Medium, das Bachmann in ihren Installationen sehr oft verwendet: zum Beispiel in der Arbeit, mit der sie sich im Herbst 2010 in den Räumen der Zürcher F+F-Schule für ein kantonales Stipendium bewarb. Doch auch diese Stimme wird sich nicht verraten, wird uns nicht wissen lassen, wer spricht oder wem die Worte, die zusätzlich in Klebeschrift auf der Fensterfront stehen, in den Mund gelegt werden. Und sie wird uns ganz gewiss nicht sagen, wer hier das Sagen hat.
Sicher ist nur: Was Bachmann mit Brettern, Vorhangbahnen oder Wörtern macht, gelingt ihr auch mit der Realität: «Auseinandernehmen. Wieder zusammensetzen. Anders.»

Bis: 18.06.2011



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Ausgabe 6  2011
Ausstellungen Nicole Bachmann [16.04.10-20.06.10]
Institutionen video tank [Zürich/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Nicole Bachmann
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