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Besprechung
6.2011


Stefan Wagner :  Wenn es so etwas wie eine kunsthistorische Vaterfigur in der Schweizer Malerei geben würde, Olivier Mosset wäre mit seinem rauschenden Bart dafür prädestiniert. Seine Ausstellung ‹Born in Bern› zeigt aber, dass es nicht der Bart ist, der ihm eine solche Stellung einräumt.


Bern : Olivier Mosset, Im Wendekreis der Malerei


  
links: Olivier Mosset · Born in Bern, 2011, Ausstellungsansicht
rechts: Olivier Mosset vor der Kunsthalle Bern


An was erinnert man sich und an was nicht? Diese Frage stellte sich Olivier Mosset in der Kunsthalle Bern. Für seinen Auftritt wühlte der gebürtige Berner Mosset tief im Zettelkasten der Erinnerung. Auf dem Vorplatz der Kunsthalle liess er ein als Ready-made getarntes klobiges, graues Tram platzieren. Ein Paukenschlag für einen Maler? Wenn man seinen Ausstieg aus der Malerei kennt, ist diese Aktion nichts Ungewöhnliches. Am 3.1.1967 schrieb er mit den Malerkumpanen Daniel Buren, Michel Parmentier und Niele Toroni auf ein Flugblatt: «Das Malen ist ein Spiel (...) da Malen heisst, die Innenwelt sichtbar zu machen (...) da Malen heisst, mit Rücksicht auf Ästhetizismus, Blumen, Frauen, Erotik, alltägliche Umgebung, Kunst, Dada, Psychoanalyse, Krieg in Vietnam zu malen, SIND WIR KEINE MALER.»
Dies gilt bis heute - und so wird das Tram vor der Haustüre Teil einer historischen Tapete im ersten Ausstellungsraum. Diese zeigt nun aber ein für den Künstler erinnernswertes Ereignis, einen tatsächlichen, aber durchaus komischen Unfall aus dem Jahr 1950, bei dem ein Tram aus den Schienen sprang. Hier beginnt die autobiografische Erzählung, und gleichzeitig gewinnt Mossets Malereibegriff an Kontur. Die Verschmelzung von einem historischen Ereignis mit einem Readymade-Tram und der Bild-Tapete bewirkt jene Schockwelle, mit der er seine konzeptuelle Malerei stets vorantrieb und die Erwartung an diese jeweils fein säuberlich zerlegte und entsorgte. Leinwände sucht man folglich vergebens in der Ausstellung. Der Rundgang wird zur historischen Schnitzeljagd. In der extra gedruckten Kunsthallen-Zeitung wird man informiert, dass das Layout aus der Zeit stammt, als Harald Szeemann hier als Kurator tätig war. Das sind just diese mit Strahlkraft getränkten Jahre, in denen die amerikanische Konzeptkunst in der Schweiz Fuss fasste und in denen der Teenager Olivier sozialisiert wurde.
‹Born in Bern› ist eine geschickte, vielschichtige, zuweilen vertrackte Präsentation, welche die Biografie Mossets transparent macht und gleichzeitig seinen Malereibegriff verdeutlicht. Die Aufmerksamkeit richtet sich insbesondere auf die Bedingungen, unter denen er zu malen gewillt ist. Dass er keine seiner Leinwände hängt, verdeutlicht einmal mehr den Schalk und die Klugheit seines malerischen und konzeptuellen Vorgehens.

Bis: 19.06.2011



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Ausgabe 6  2011
Ausstellungen MadeIn Company, Olivier Mosset [09.04.11-19.06.11]
Institutionen Kunsthalle Bern [Bern/Schweiz]
Autor/in Stefan Wagner
Künstler/in Olivier Mosset
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