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Besprechung
6.2011


Verena Kuni :  Zeit sparen: Möchten wir das nicht alle? Angesichts einer chronisch übervollen Agenda, werden die meisten wohl mit einem «Ja» antworten. Doch was fangen wir eigentlich mit dem Gesparten an? Wie könnten Zeitressourcen gewinnbringend angelegt werden? Eine Zeitbank müsste her!


Frankfurt/M : time/bank


  
Lawrence Weiner · Hour Notes, 2010, Geldscheine für Time/Bank ©ProLitteris


Und tatsächlich gibt es sie schon, eine solche Zeitbank: 2009 haben Julieta Aranda und Anton Vidokle, die rührigen Betreiber der New Yorker Plattform e-flux, das Projekt ‹time/bank› ins Leben gerufen. Die Grundidee: Über die Einführung von Zeit als alternative Währung sollen Menschen, unabhängig von finanziellen Mitteln, notwendige Erledigungen tätigen, Alltagsdinge auf den Weg bringen oder sogar umfänglichere Projekte realisieren können. Völlig neu ist dieser Ansatz keineswegs. Nachdem mit der Industrialisierung das Motto «Zeit ist Geld» die Produktionsökonomie bestimmte, kamen bereits Ende des 19. Jahrhunderts findige Unternehmer auf die Idee, Arbeitszeit direkt zur Währung zu machen. Und auch alternative Tauschsysteme sind immer wieder entwickelt worden - als Teil politischer Utopien, um Inflationen zu überbrücken, oder auch als Kunstprojekt wie die satirische Berliner Aktion ‹Knochengeld› von 1993.
An diese Vorläufer knüpft ‹time/bank› an, setzt seinerseits jedoch auf die Kombination von webbasierter Plattform und lokaler Aktion. Erstere ermöglicht eine systematische Anlage und Verwaltung von Zeitressourcen, indem Angebote für Leistungen in Bereichen wie Kunst, Bildung, Kommunikation eingestellt bzw. recherchiert und abgerufen werden können.
Zugleich verfolgen Aranda und Vidokle die Einrichtung lokaler Bankfilialen, an denen das Projekt weitere Umsetzungen findet. Nachdem in der Hauptstelle in New York bereits mehrere erfolgreiche Aktionen stattgefunden haben, fungiert nun der Frankfurter Portikus als temporäre Filiale. Neben einer Ausstellung der Zeitbanknoten von Künstler/innen wie Liam Gillick, Koo Yeong-A, Nedko Solakov, Lawrence Weiner oder dem Raqs Medienkollektiv werden Vorträge und Workshops angeboten; mit Weiners Scheinen kann man sogar in lokalen Kunstbuchhandlungen und Museumsshops einkaufen gehen.
Also eigentlich kaum anders, als der Betrieb auch mit gewöhnlichem Geld funktioniert? Nicht ganz: Der Austausch- und Vernetzungsgedanke der ‹time/bank› macht den entscheidenden Unterschied - und weist zugleich den Weg aus dem notorischen Zeitdilemma: Mit Zeitsparen allein ist es nicht getan. Weil wir in der Regel nicht alleine über unsere Zeit verfügen. Aber auch, weil die persönliche Zeitplanung und das subjektive Zeitgefühl eng mit jener Zeit zusammenhängen, die wir mit anderen teilen. Zeit gewinnen lässt sich daher nur, wenn man gemeinsame Sache macht.

Bis: 26.06.2011



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Ausgabe 6  2011
Ausstellungen time/bank [07.05.11-26.06.11]
Institutionen Portikus [Frankfurt/M/Deutschland]
Autor/in Verena Kuni
Künstler/in Julieta Aranda
Künstler/in Anton Vidokle
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