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6.2011




Luxembourg : Maja Weyermann


von: Hans Rudolf Reust

  
links: Maja Weyermann, Tower of Shade 1, 2006, Rendering
rechts: Maja Weyermann, Maison des Péons 3, 2007, Rendering


Die Stadt Chandigarh im Nordwesten Indiens (1951-1965) bleibt eines der meist diskutierten Projekte des Architekten Le Corbusier, weil es mitten in der Moderne schon die Grenzen der globalen Übertragbarkeit von westlichen Raumkonzepten offenbart. Die Künstlerin Maja Weyermann hat Chandigarh mehrfach besucht und lokale Fachleute über die aktuelle Nutzung der Gebäude interviewt. Aufgrund ihrer umfangreichen Recherchen, ausgehend von den ursprünglichen Plänen, hat sie ab 2006 schliesslich am Computer eine Reihe von Bildern virtuell generiert, die im blos­sen digitalen Potential aus Null und Eins eine ganz aussergewöhnliche Präsenz von Räumen schaffen, wie sie weder die Fotografie noch die Malerei noch die reine Konstruktion erreichen könnten. Kants synthetische Urteile «a priori» sind nicht sichtbar; so aber müssten sie aussehen: wie diese auf theoretischen Analysen basierenden Bilder, die noch vor der sinnlichen Erfahrung einsetzen und länger als diese nachklingen. Der perfektionierte Illusionismus in Weyermanns statischen Ansichten dient nicht der Täuschung des Blicks, eher schafft er eine höher informierte, aus unterschiedlichen Perspektiven entwickelte und mit imaginierten Momenten versetzte Wirklichkeit. Die sozial engagierte dokumentarische Praxis erhält dabei eine neue Qualität.
Auch in ihrer jüngsten Arbeit, die sie Ende des vergangenen Jahres im Projektraum uqbar und an verschiedenen Standorten in Berlin gezeigt hat, wendet sich Maja Weyermann primären Raumerfahrungen zu. In Gesprächen mit Berliner Ladenbesitzern aus verschiedensten Kulturen hat sie Schilderungen der frühsten Räume der Kindheit gesammelt. Allein nach diesen Beschreibungen wurden die erinnerten Räume dann als bewegte Bilder gebaut, in Stimmungen und imaginierten Details ersonnen und je spezifisch vertont, um die dialogisch fingierten Szenerien schliesslich wieder mit den Urbildern in der Erinnerung der verschiedenen Menschen zu vergleichen. Die Website zu ‹Real Time Nomads› gibt einen Einblick ins Projekt.
Die Ausstellung des Komplexes ‹Chandigarh› in Luxembourg fand Unterstützung aus der Schweiz. Es wäre an der Zeit, dass der über das rein Dokumentarische weit hinaus reichende Ansatz Maja Weyermann nach vielen erfolgreichen Jahren in Berlin auch im Land ihrer frühsten Kindheitserinnerungen mehr Beachtung finden würde.

Bis: 04.06.2011



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Ausgabe 6  2011
Ausstellungen Maja Weyermann [02.05.11-04.06.11]
Institutionen Fondation de l'Architecture et de l'Ingénierie [Luxembourg/Luxemburg]
Autor/in Hans Rudolf Reust
Künstler/in Maja Weyermann
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